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2020-10-09

14_REVISITING 1999 – KÜLTÜR FÜR DEUTSCHLAND

14_Revisting.jpgBlogbeitrag von Burcu Dogramaci
Veröffentlicht am: 09.10.2020

Die Einladung für einen Beitrag zu #nichtmeintatort führte mich zurück in eine Zeit, als ich mich mit Fragen von Diversität in der Film-, Musik- und Literaturszene beschäftigte.  Vor mehr als 20 Jahren schrieb ich einen Beitrag für die Zeitschrift „Allegra“, für den ich Gespräche mit Kulturproduzent*innen führte. Sie alle hatten familiäre Migrationserfahrung aus der Türkei, darunter der Regisseur Fatih Akin, die Schauspieler*innen Özlem Soydan und Mehmet Kurtuluş, die Rapperin Aziza-A und der Schriftsteller Selim Özdoğan. Der Artikel sollte eine Aufbruchstimmung transportieren – Migrant*innen waren sichtbar in der deutschen Kulturszene, gestalteten sie mit. Obwohl meine Gesprächspartner*innen mit großem Selbstbewusstsein über ihre Karrierewege und Überzeugungen sprachen, brach sich in den Interviews auch ein Unbehagen Bahn, eine Kritik an der Besetzungspolitik beim Film, die Limitierungen der an „Migrations-Literatur“ vergebenen Preise, die gläserne Decke, die einer Karriere in Deutschland immer noch im Weg stand. Ohne es zu benennen, beschrieben einige meiner Interviewpartner*innen den strukturellen Rassismus, der ihr Berufsleben begleitete. Özlem Soydan konstatierte über das eingeschränkte Rollenangebot: „Im Film ist Abstraktionsvermögen nicht gefragt. Die Produzenten behaupten gern, sie könnten eine südländisch aussehende Schauspielerin nicht als Monika besetzen. Das würden die Zuschauer nicht annehmen.“ Ich fragte: „Was spielen die Südländerinnen dann für Rollen?“ Soydan antwortete: „Ein Paradebeispiel: Junge Türkin, deren Vater Besitzer einer Dönerbude ist, wird von Neonazis vergewaltigt.“ Boom. Das saß und sensibilisierte mich.

Doch was ist zwei Jahrzehnte danach passiert? Heute wird durch Bewegungen wie #MeTwo oder #BlackLivesMatter viel offener über strukturellen Rassismus gegenüber PoCs diskutiert. Es gibt offensiven Widerstand, aber offensiver Rassismus ist im politischen Sprechen auch wesentlich gesellschaftsfähiger geworden. Auf der Ebene der Teilhabe lässt sich diagnostizieren, dass ich damals mit einem hoffnungsvollen Jungregisseur sprach, der heute einer der bedeutenden Filmemacher in Deutschland ist: Fatih Akin hat für „Gegen die Wand“ (2004), „Auf der anderen Seite“ (2007) oder „Aus dem Nichts“ (2017) viel Anerkennung und internationale Preise erhalten. Ganz nebenbei haben Akins Filme auch dafür gesorgt, die diversifizierte Gesellschaft in Deutschland deutlicher im Kino abzubilden und migrantische Schauspieler*innen in starken Rollen jenseits von Stereotypen in Erscheinung treten zu lassen. Andere Regisseur*innen wie Ayşe Polat, mit der ich mich damals ebenfalls beschäftigte, haben sich im Filmbusiness nicht durchsetzen können. Dabei erschien sie mir mit ihren Filmen „Auslandstournee” (2000) oder “En Garde” (2004) wie ein Ausnahmetalent des deutschen Films.

Zwei meiner Interviewpartner*innen von 1999 waren in der deutschen Fernsehinstitution Tatort präsent – und haben unterschiedliche Erfahrungen gesammelt: Özlem Soydan spielt in „In der Falle“ (1998, Drehbuch: Orkan Ertener, Regie: Peter Fratzscher) die türkische Modedesignerin Bengi Can, die ohne Papiere in Deutschland lebt und untertaucht, um sich der Abschiebung zu entziehen. Ihr hilft der Deutschtürke Sinan Kurt (Haydar Zorlu), der jedoch keinen guten Ruf hat, als Betrüger gilt und ein Verhältnis mit der Frau seines Chefs hat. Zudem gerät er noch in den Verdacht, einen Mord begangen zu haben – was sich später bestätigt. Am Ende wird Bengi Can abgeschoben. „In der Falle“ entfaltet damit eine Palette an stereotypen Zuschreibungen an die Fremden, die sich nicht regelkonform verhalten, zu Gewalttaten neigen und sich ohne Erlaubnis in Deutschland einnisten. Erst die ermittelnden Tatort-Kommissare (Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl) bringen Ordnung in das Chaos. Es verwundert also nicht, dass Özlem Soydan eher skeptisch auf das Filmgeschäft blickte, als sie mir ein Jahr nach den Dreharbeiten zu diesem Tatort das Interview gab.

Anders als Soydan hat Mehmet Kurtuluş nicht Täter oder Opfer gespielt, sondern übernahm in sechs Tatorten zwischen 2008 und 2011 die Rolle des Hauptkommissars Cenk Batu. Damals dürften sich viele migrantische Fernsehzuschauer*innen die Augen gerieben und (teils vermutlich erstmals) zum Tatort-Sehen versammelt haben. Zumindest erinnere ich mich, wie sehr dieser Auftritt die Runde machte und dass auch ich mir einige Auftritte von Kurtuluş ansah. „Auf der Sonnenseite“ (2008, Drehbuch: Christoph Silber, Thorsten Wettcke, Regie: Richard Huber) war der erste Tatort mit Cenk Batu, der sportlicher und schlagkräftiger ist als andere Tatort-Kommissare und zugleich eine Erinnerung an das Tatort-Urgestein und Haudegen Schimanski in sich trägt. Kurtuluş gelingt es in diesem und nachfolgenden Filmen, seiner Figur ein neues Profil als Held zu geben. Batu ist ein verdeckter Ermittler beim LKA in Hamburg, spricht eher ein mäßiges Türkisch und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Er ist ein einsamer Jäger in der Großstadt und zeigt in seinen Undercover-Einsätzen vollen Körpereinsatz.

In dem ersten Film der Batu-Staffel, „Auf der Sonnenseite“, wird der Ermittler in einen türkischen Clan eingeschleust, dessen Anführer Tuncay Nezrem (Aykut Kayacık) in kriminelle Machenschaften, groß angelegten Immobilienbetrug und Hehlerei verwickelt ist. Batu kann den Mann überführen. Obgleich dessen ebenfalls krimineller Geschäftspartner ein Deutscher ist (mit Namen Petermann und gespielt von Michael Wittenborn), bleibt dieser Tatort dem Stereotyp des Migranten als potentiellen Straftäter - siehe die Anlage der Figur Tuncay Nezrem - verhaftet.

In anderen Filmen der Staffel spielen diese Zuschreibungen keine Rolle: Batu ermittelt in „Häuserkampf“ (2009) gegen korrupte Kollegen und muss Entführungsopfer finden, kann in „Vergissmeinnicht“ (2010) einen Fall von Industriespionage aufdecken, wird in „Leben gegen Leben“ (2011) gegen Organhändler eingesetzt. In der vorletzten Folge der Staffel aber, „Der Weg ins Paradies“ (2011, Drehbuch/Regie: Lars Becker), ist Batu im Einsatz gegen Islamisten, die einen Terroranschlag in Hamburg planen. Hass, Gebet und Verschleierung sind in dieser filmischen Erzählung Insignien des politischen Islam, der die Ordnung und Sicherheit bedroht und gegen den Batu erfolgreich vorgeht.

Unter dem Strich kennzeichnen auch die Cenk-Batu-Tatorte eine Ambivalenz. Kurtuluş ist als Ermittler eine Hauptfigur mit Tiefgang und Charisma und öffnet den Tatort wohl erstmals für ein vielfältiges Publikum. Und dennoch bleibt die Handlung teilweise in Stereotypen gefangen, die PoCs als eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung und den Islam als eine potentiell bedrohliche Religion festschreibt. Dies ist vermutlich auch Indiz eines strukturellen Problems, denn das Team hinter der Kamera konstituiert sich auch in dieser Reihe durch weiße, meist männliche Akteure - vom Drehbuch über die Regie bis zur Kamera. Damit sind die Tatort-Filme mit Mehmet Kurtulus weit weg von der für eine postmigrantische Gesellschaft selbstverständlichen Vielstimmigkeit unter Einbeziehung migrantischer Lebensentwürfe.

Kurtuluş hat nach der sechsten Tatort-Folge Schluss gemacht. Mit „Die Ballade von Cenk und Valerie“ (2012, Drehbuch/Regie: Matthias Glasner) nahm er als Cenk Batu seinen Abschied, kann ein politisches Attentat und den Mord an seiner Geliebten verhindern, muss aber dafür sein Leben hergeben. Nachfolger als Hamburger Tatort-Kommissar wurde dann Till Schweiger als Nick Tschiller, der ähnlichen Körpereinsatz wie sein Vorgänger zeigt, und mit Yalçın Gümer (Fahri Yardım) nun einen türkischstämmigen Kollegen hat. Yardım spielte sich auf dem Weg zum Tatort durch interkulturelle Komödien wie „Kebab Connection“ (2004) oder „Türkisch für Anfänger“ (2008) und debütierte in seinem ersten Tatort „Tödliche Ermittlungen“ (2011) als Kleinkrimineller Hasan Kiser – bevor er dann ab 2013 als Kommissar in den Hamburg-Tatorten ermittelte. Yardıms Filmografie und die anderer Schauspieler*innen mit familiärer Migrationserfahrung zeigen, dass der Weg von PoCs beim Film kein leichter ist. Denn sie werden noch allzu oft besetzt als Dönerbuden-Besitzer, Kleinkriminelle, als Sans-Papiers, Opfer von Ehrenmorden oder Täter, die diese ausüben. Daran scheint sich seit 1999 kaum etwas geändert zu haben. Zwar gibt es gewisse Öffnungen: Die Präsenz von PoCs vor der Kamera ist etwas selbstverständlicher geworden, und es gibt ein umfassenderes Bewusstsein für strukturellen Rassismus in der Gesellschaft, das so vor 20 Jahren noch nicht existierte. Beim Blick in den Stab des letzten, vorletzten, vorvorletzten Tatorts usw. zeigt sich jedoch, dass die Teams hinter der Kamera nicht diverser geworden sind als um die Jahrtausendwende. Dies ist für mich Ausdruck eines Dilemmas: Noch immer ist nicht anerkannt, dass Migration eine Ressource für eine Gesellschaft und ihre Kulturproduktion ist, zu neuen und anderen Geschichten führt und Blick- und Perspektivwechsel mit sich bringt. Der Tatort täte gut daran, dieses Potenzial für sich zu nutzen.

Burcu Dogramaci lehrt Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie publiziert zu Exil, Migration und Flucht in historischer und zeitgenössischer Perspektive, zu Fotografie, Stadt und Architektur. Zuletzt erschien der von ihr mit-herausgegebene Open-Access-Band “Arrival Cities: Migrating Artists and New Metropolitan Topographies in the 20th Century”, https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/41641.

Biene - 21:05:16 @ Andere Tatorte | Kommentar hinzufügen