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2020-10-12

15_”ICH BITTE EUCH UM ABSOLUTES FINGERSPITZENGEFÜHL.” - VON NEOFASCHIST*INNEN, PSEUDO-FEMINIST*INNEN UND ANDEREN IDEOLOGISCHEN VERHEDDERUNGEN

15_Ich bitte sie um absolutes FIngerspitzengefuhl.jpg© NDR / Frizzi Kurkhaus

Originaltitel: National Feminin
Erstausstrahlung: 26.04.2020
Buch: Daniela Baumgärtl / Florian Oeller
Regie: Franziska Buch
Kamera: Bella Halben
Schnitt: Benjamin Hembus
Musik: Johannes Kobilke
Produktion: Kerstin Ramcke

Blogbeitrag von Teresa Kuhn
Veröffentlicht am 12.10.2020

Nachdem ich gebeten wurde meine Gedanken zur Tatort-Reihe in einem kritischen Artikel auf zu schreiben, machte ich mich auf die Suche nach einer interessanten Episode. Meine Wahl fiel auf “National feminin” (Regie: Franziska Buch, Drehbuch: Daniela Baumgärtl, Florian Öller).

Ja, es geht um selbsterklärte Feministen und Nazis und es handelt sich bei dieser Episode um einen Tatort, der offensichtlich zeitgemäß und relevant sein will. Es ist überdeutlich, dass die Macherinnen mit Inbrunst versuchen, ein Zeichen gegen die im deutschen Fernsehen traditionell vorherrschende Scheu vor aktuellen politischen und sozialen Themen zu setzen. Den Fokus legen sie dabei auf den besorgniserregenden Rechtstrend in der Gesellschaft, auf das Thema der Inklusion und den in der öffentlichen Diskussion wieder mehr an Bedeutung gewinnenden Begriff des Feminismus.

In Sachen Diversität hebt sich diese Produktion von anderen ab. Sowohl vor als auch hinter der Kamera sind vor allem Frauen am Ruder. Mit Florence Kasumba hat der Göttinger Tatort die erste Schwarze Tatort-Kommissarin. Obwohl das Kommissariat darüber hinaus noch weitgehend weiß und männlich ist, entgeht uns die Bemühung um Diversität nicht. Hier und da taucht eine explizit lässige Frau auf, auch mal mit einem türkischen Nachnamen, oder steht ein Polizist of Color im Hintergrund. Auch eine Journalistin of Color tritt auf.

Einen Moment lang zögerte ich, ob ich mich ausgerechnet über diesen Tatort kritisch auslassen sollte oder die Bemühungen der Macherinnen angenehm überrascht registrieren und es dabei belassen sollte. Schließlich entschied ich, dass dieser Tatort es gerade wert ist, besprochen zu werden, aufgrund der Dringlichkeit, mit der er sich in einer Welt nach Debatten um Migration und Post-#ME TOO platzieren will.

Ich erwähne #METOO, weil “National Feminin” es sich nicht entgehen läßt, die zur Parole gewordenen Worte ihrer zentralen Figur in den Mund zu legen. Marie (Emilia Schüle) ist eine junge Studentin, Videobloggerin und ihrer eigenen Definition nach eine Feministin, allerdings mit einer ganz besonderen Note: radikal rechts. Das bewahrt sie nicht davor, in einem dunklen Wald abgestochen zu werden.

Wenn wir als Zuschauer*innen etwas von einem Kriminalfilm erwarten können, ist es, dass er sich bei der Mordszene etwas einfallen läßt. Mit einer hektischen Kamera und Taschenlampenlicht à la “Blair Witch Project” stolpern wir mit dem Opfer durch den Wald, in dem verzweifelten Versuch, dem anonym gehaltenen Mörder zu entkommen. Ein Messer wird gezückt. Das Mädchen windet sich flehend auf dem bemoosden Waldboden. Schnitt zu: ein Tatortfoto des toten Opfers, tiefe Einschnitte an der Kehle. Diese Szene hätte aus jedem beliebigen Tatort, jeder beliebigen deutschen Krimiproduktion oder einer Sendung, in der echte Verbrechen rudimentär nachinszeniert werden, stammen können. Vom Stilistischen mal abgesehen sind bei dieser Darstellung zwei Aspekte problematisch. Das Bild des weißen Mädchens, das ermordet wird, ist in unserer Medienkultur zu einer Chiffre für illegitime Gewalt geworden. Die Gefahr besteht darin, dass wir bei derartig klischéehaften Darstellungen den Blick für das verlieren, was da eigentlich passiert: ein Femizid in der gesellschaftlichen Dimension und der Mord an einem Menschen auf der individuellen. Des weiteren wurde in dieser Mordszene entschieden, die subjektive Perspektive des Mörders einzunehmen. Das ist ein oft und leichtfertig verwendetes Stilmittel, für die Wirkung der Szene, aber entscheidend. Ich persönlich halte es für die falsche Wahl in einem Film, in dem es um Feminismus gehen soll.

Im Falle des Mordes an Marie ermitteln zwei Göttinger Kommissarinnen, gespielt durch die bereits erwähnte Florence Kasumba und die durchweg 3-Wetter-Taft-gestylte Maria Furtwängler. Waren es antifaschistische Aktivisten oder etwa jemand aus Maries eigenem Lager? Immer wieder äußern die beiden Kommissarinnen Abscheu gegenüber der rassistischen politischen Agenda des Opfers und ihrer Entourage, sowie deren Missbrauch des Feminismus-Begriffs. Allerdings bleiben ihre Kommentare meist oberflächlich, als verstehe sich die “gute” politische Einstellung von selbst. Da hingegen bekommen die Figuren des neofaschistischen Lagers sehr viel Raum, ihre Ideologie auszuwalzen, wie in Maries propagandistischem Videoblog, der immer wieder zwischengeschnitten wird. Sie werden unterstützt durch zahllose aggressive Internet-Posts, die regelmäßig über das Bild schweben, um die aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft darzustellen. Vieles davon bleibt durch den Film vollkommen unkommentiert. Es ist ein Grundproblem dieses Tatorts, dass dem neofaschistischen Gedankengut überproportional viel Erzählzeit zugestanden wird. In gewisser Weise untergräbt dieser Umstand, die Absicht der Macherinnen gesellschaftliche und politische Kritik zu üben.

In einer Szene, in der die Kommissarinnen ihre Kollegen zu dem Mordfall briefen, bitten sie um “absolutes Fingerspitzengefühl.” Dasselbe haben sich bestimmt auch die Macherinnen dieser Tatort Episode vorgenommen. Leider ist das Feingefühl in vieler Hinsicht auf der Strecke geblieben, nicht nur, was die politische Thematik angeht, sondern auch in Hinblick darauf, wie authentisch sich die Figuren und Szenen anfühlen.

Dass die Szene, in der Marie ermordet wird, dafür beispielhaft ist, habe ich bereits beschrieben. Wäre Marie bis zum Ende ein Nazi, so bliebe die Zuschauer*in noch in dem Zwiespalt hängen, ob man nun Mitleid mit ihr haben soll oder trotz Gewissensbissen ein bisschen froh ist, dass die Faschistin ihr Ende gefunden hat. Aber die Autor*innen konnten der Versuchung nicht widerstehen Marie am Ende doch noch irgendwie lieb sein zu lassen. Sie verliebt sich in einen linken Aktivisten und die Turteltauben helfen einander, ihre jeweiligen Ideologien zu hinterfragen: ein offener Dialog, die Hoffnung, das Kommunikationszeitalter könne doch noch zu echter Kommunikation führen, statt zu zunehmender Polarisierung. Diese Entwicklung untergräbt endgültig den Realismus des Stoffs und läßt ihn in eine Art Rechts-Links-Märchen abdriften: und wenn sie, Marie, nicht gestorben ist, dann sähe das politische Klima in Göttingen vielleicht anders aus. Ich deute diesen erzählerischen Kniff als Erziehungsversuch. Klingt da etwa die öffentlich rechtliche Bildungsverpflichtung durch, “zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern?”

Verständlicherweise fällt die Entscheidung zwischen Realismus und Utopie in fiktionalen Stoffen nicht leicht, wenn es um so aktuelle politische Themen geht. Niemand will gänzlich in ein Gut-Böse Urteil abgleiten. Gleichzeitig ist “fine people on both sides” oder eben “bad people on both sides” auch problematisch, wenn es um die radikale Rechte geht. In “National feminin” ist dieser Balanceakt sehr stark spürbar.

Ambivalent gezeichnete Figuren sind dramaturgisch eigentlich immer eine gute Entscheidung und ganz sicher im Krimigenre. Der Film beginnt in dieser Hinsicht vielversprechend. Im rechten Lager haben wir die attraktive Studentin Marie, die mit hip-cuten Videos für ein “deutscheres” Deutschland wirbt. Sie wird flankiert von einem sich aufgeschlossen gebenden Intellektuellen (Samuel Schneider), der in seiner faschistischen Mission auf Fortpflanzung setzt. Und da ist die lesbische Juristin (Jenny Schily), die gerade zur Verfassungsrichterin gewählt wurde und radikal rechte Ideen salonfähig macht. Im linken Lager haben wir einen etwas tattrigen Alt-68er (Stephan Bissmeier), dem nicht mal sein Sohn mehr zuhören will. Der Sohn wiederum hält Worte für unzureichend und wirft lieber mit Farbbomben auf die zukünftige rechtsradikale Verfassungsrichterin. Und wir haben einen weiteren als linksradikal eingestuften Verdächtigen (Jascha Baum), der nicht davor zurückschreckt zum Messer zu greifen.

Diese Grundaufstellung schürt Erwartungen auf komplexe und ambivalente Figuren, sowie auf moralischen Zwiespalt für die Zuschauer*innen. Die Erwartungen werden allerdings nur teilweise und eher im Bereich der Nebenfiguren erfüllt. So wird zum Beispiel der im Grunde harmlose linke Farbbomben-Aktivist zum Opfer polizeilichen Übereifers. Bei den Hauptfiguren entscheiden sich die Autor*innen gegen Ambivalenz und für bewährte dramaturgische Muster.

Moralischer Zwiespalt bei den Zuschauer*innen ist nicht nur spannend, er ist auch in Hinsicht auf den Bildungsanspruch nützlich, denn Zuschauer*innen im Zwiespalt werden idealerweise zum Nachdenken animiert. Sie können nach dem Film nicht ohne weiteres “So ist das eben.” sagen und frühzeitig ins Bett gehen. Mit einem moralischen Zwiespalt konfrontiert, werden die Zuschauer*innen im besten Falle von der Frage “Wie ist das eigentlich?” wachgehalten und stehen am nächsten Morgen etwas übernächtigt mit der Frage “Wie bin ich eigentlich?” auf. Zugegeben, diese Vorstellung ist sehr idealistisch.

Die Macherinnen von “National feminin” geben den moralischen Zwiespalt zu Gunsten einer einfachen, leicht verdaulichen Auflösung auf. Sie reduzieren am Ende alles auf die Erotik. Sowohl im physischen als auch emotionalen Sinne, ist die Erotik natürlich ein bewährtes Mittel des fiktionalen Erzählens. In diesem Fall wird das Gewicht, etwas überraschend und auch irgendwie altbacken auf die alles verzehrende Liebe gelegt. Die Motivationen der so komplex und ambivalent angelegten Hauptfiguren werden mit einem breiten roten Pinselstrich auf den erotischen Trieb reduziert. Das ist nicht nur unbefriedigend, sondern auch den Figuren gegenüber ungerecht.

Von der zukünftigen Verfassungsrichterin, einer knallharten Strategin, deren konservative sexistische und rassistischen Ideale hochproblematisch sind, die aber dennoch für weibliches Durchsetzungsvermögen steht, bleibt nichts mehr übrig als ein emotionales Wrack. Rotweintrinkend und in Selbstmitleid vergehend, heult sie der Studentin Marie nach, die die Liebe ihres Lebens war. Sie sagt es selbst: Für die Liebe hätte sie alles an den Nagel gehängt. Ich nehme der Figur diese Wendung nicht ab und halte diese Darstellung emotionaler Instabilität in einer gesellschaftlich erfolgreichen und mächtigen Frau außerdem für problematisch. Sie ist problematisch im Kontext einer patriarchalen Tradition, die Frauen mit dem Argument, sie könnten sich “nicht zusammenreißen” und würden ihren Verstand ihren Gefühlen unterwerfen, von Machtpositionen ausschließt.

Bei Marie stellt sich schließlich heraus, dass sie doch einen vermeintlich guten Kern hat. Es läßt sich leicht in Maries Darstellung hineinlesen, dass sie nur aus Liebe auf den falschen Weg geraten ist. Ihre ideologische Verirrung beginnt mit der Faszination für ihre Professorin, die zukünftige Verfassungsrichterin. War Marie nur zu leicht manipulierbar? Hat die Liebe zum “richtigen” links eingestellten Mann sie schließlich auf den Pfad der Läuterung gebracht? Marie wirkt mit ihrer faschistischen Botschaft in ihren Videoblogs sehr überzeugt und selbstbewusst, trotzdem verändert sich ihre politische Haltung jeweils unter dem Einfluss ihrer Liebespartner*innen.

Viel wichtiger ist aber, dass Marie nicht wegen ihrer politischen Ansichten zum Opfer wird, sondern wegen ihres weiblichen Körpers. Der Mord an ihr ist ganz und gar nicht politisch motiviert, sondern ein Akt der Eifersucht des faschistischen Intelektuellen. Der männliche Kontrollwahn, der sich dahinter verbirgt, ist durchaus ein wichtiges Thema. Trotzdem reduziert diese Auflösung des Mordfalls Marie auf ein Objekt der Begierde. Gleich drei Figuren verfallen ihrem Zauber: die zukünftige Verfassungsrichterin, der junge Faschistenanführer und ihr linker Geliebter. Maries Stärke und ihr Verhängnis ist ihre weibliche Verführungskraft. Damit fügt sie sich nahtlos in die unendliche Reihe tragischer Frauenfiguren der Literatur und Filmgeschichte ein. Die eigentliche Tragödie ist der sexistische Blick auf diese Figuren. Von Maries intellektueller Entschlossenheit und ihrer politischen Leidenschaft bleibt schließlich nichts übrig.

Und so überschattet der dritte Akt des Films mit seinen klassischen Erklärungsmustern, die jedes offene Ende sauber verknoten, den gesellschaftlichen Konflikt und die reale moralische Diskussion, die eigentlich das Thema dieses ambitionierten Tatorts sein sollte.

Ich frage mich, wie eine Zuschauerin im Jahre 2050, auf “National feminin” reagieren würde, wenn sie durch Zufall und vielleicht im Rahmen einer Recherche auf diesen Tatort trifft. Egal wie es 2050 um die Gesellschaft steht: Sie wird feststellen müssen, dass dieser Film in einer Zeit entstanden ist, in der Fernsehmacherinnen sich nach einer langen Phase der politischen Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit im deutschen fiktionalen Fernsehen, aufgerufen fühlten mit großen Gesten zu bekräftigen, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Hoffentlich wird diese Zuschauerin der Zukunft auf die Fernsehgeschichte der folgenden dreißig Jahre zurückblicken, in der Diversität bei den Figuren, Darsteller*innen und auch Macher*innen zur Selbstverständlichkeit geworden ist und in der mit der Zeit eine Erzähltradition der tiefgehenden politischen Sensibilität gewachsen ist.

Die Macherinnen von “National feminin” versuchen sich mit großer Motivation von der tief konservativen Vergangenheit der Tatort-Reihe zu lösen. Die ersten Schritte auf diesem Weg wirken etwas unbeholfen, möglicherweise weil sie mit so viel Bewusstsein für die Transgression gesetzt werden. Eine Filmkritikerin der SZ faßt diesen Tatort folgendermaßen zusammen: “wichtiges Thema pflichtschuldig aufgegriffen”. Ich spreche den Macherinnen mehr als nur Pflichtschuld zu. Doch der Weg scheint noch etwas weiter als gedacht zu sein, bis wir im deutschen Fernsehen mit einer Selbstverständlichkeit Polizistinnen of Color auf die Jagd nach Neofaschist*innen, falschen Feministinnen und rechtsradikalen lesbischen Verfassungsrichterinnen schicken können, ohne uns dabei ideologisch zu verheddern. Mehr ist nicht immer besser und bestimmt nicht, wenn es um gesellschaftlich brisante Themenkomplexe geht. Vielleicht lohnt es sich stattdessen eher in die Tiefe zu gehen - Qualität statt Quantität - und außerdem ein differenziertes Verständnis für den gesellschaftlichen Impact fiktionalen Erzählens zu entwickeln.

Teresa Kuhn ist freischaffende Kamerafrau. Sie hat an der Hochschule für Fernsehen und Film  München und am CCC Mexico Stadt mit dem Schwerpunkt Kamera studiert. Mittlerweile ist sie auch als Drehbuchautorin tätig.

Biene - 16:38:57 @ Klassiker | Kommentar hinzufügen

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