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2020-10-30

16_DIE FREUDE ÜBER EINEN ANRUF UND DIE DEUTSCHE SUCHT NACH DEM KRIMI

16_Die Freude uber einen Anruf und die deutsche Sucht nach dem Krimi.jpgAus dem Freiburger Tatort “Für immer und dich” von Julia von Heinz © SWR/ARD 

Blogbeitrag von Lisa Charlotte Friederich
Veröffentlicht am 30.10.2020

Mein Tatort? - Was soll das denn sein? Ich sage „meine Pommes“, wenn ich mir gerade welche an der Imbissbude gekauft habe. Ich sage auch „meine Fresse“, wenn ich erstaunt bin über die Unsäglichkeit US-amerikanischer Politiker. „Mein Land“ habe ich fast noch nie gesagt, da haben meiner Beobachtung nach zum Glück noch viele Deutsche eine Hemmung, und das sollte unbedingt auch so bleiben. „Mein Tatort“, also?

Mit dem Tatort als Filmformat verknüpfe ich als Schauspielerin ein paar persönliche Erfahrungen. Daran anschließen will ich ein paar Überlegungen, worin genau diese - möglicherweise oftmals weiße - Sucht der Deutschen nach dieser 50 Jahre alten Fernsehreihe bestehen könnte. Das Telefon klingelt, und ich fange sofort an mich zu freuen: eine Rolle im Tatort! Je nach Größe der Rolle und Anzahl der Drehtage steigt die Freude unter Umständen in ziemliche Höhen. Eine Rolle im Tatort bedeutet Geld verdienen, ein großes Set, unter Umständen wunderbare Kolleg*innen, ein Pluspunkt im Lebenslauf und neue Kontakte knüpfen. Ich hatte sehr unterschiedliche Rollen im Tatort. Vom 30-sekündigen Kurzauftritt, in dem ich nach wenigen Sätzen vor den Augen meiner Tochter erschossen werde (aufregend: Arbeit mit funkgesteuerten Blutpäckchen, die explodieren) bis zur Episodenrolle, die über mehrere quälende Szenen eine Affäre mit ihrem eigenen Stalker beginnt (weniger aufregend als befürchtet: mit Bettszene), hatte ich längere und kürzere Aufenthalte an verschiedenen deutschen Tatort-Sets.
Der Tatort ist für die allermeisten Schauspieler*innen immer noch eine Referenz, ein Gütesiegel, etwas, wofür man andere Projekte absagen würde. Offensichtlich ist der Tatort auch für knapp zehn Millionen Zuschauer*innen immer noch am Sonntagabend ein Grund fernzusehen.

An dieser Stelle sei mit aller Vorsicht festgehalten, dass nach meiner Erfahrung trotz des Renommees in der Branche die wenigsten meiner Kolleg*innen, egal ob Schauspieler*in, Regisseur*in, Agent*in, den Tatort regelmäßig und aus freien Stücken anschauen. Wenn überhaupt, schaltet man ein oder geht in die Mediathek, um den Überblick zu behalten, wer was dreht, besetzt, wo mitspielt etc. Der filmische, man könnte auch das große Wort „künstlerisch“ antasten, also der künstlerische Genuss ist häufig gering. Hinzu kommt, dass bestimmte dramaturgische Schemata immer wieder auftauchen, so dass die wenigsten Tatorte im eigentlichen Sinne spannend sind. Und wo ich gerade dabei bin mich zu wundern: Wieso freue ich mich so über eine Rolle, wo ich nicht zuletzt gerade am Tatort-Set ausgesprochen unangenehme, übergriffige Situationen erlebt habe?
Ich wurde zur Begrüßung fröhlich “Straßennutte” genannt (ich habe keine Sexarbeiterin dargestellt, es war einfach eine freie Assoziation bei meinem Anblick), mir wurden im Vorübergehen nackte Männerbäuche ins Gesicht gestreckt (eine bemerkenswerte Form, um Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufzunehmen) und ich hatte auch schon an allen möglichen Körperstellen Hände, nicht etwa von meiner*m Partner*in in der Szene dorthin gelegt, sondern in freimütiger Übergriffigkeit off camera dort platziert. Dabei ist anzumerken, dass diese Erlebnisse vor dem so genannten Weinstein-Skandal passiert sind. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es der #metoo-Debatte tatsächlich gelungen, eine Veränderung anzustoßen. Die “Straßennutte”, die Hände, die nackten Bäuche wären heute nicht mehr so ohne Weiteres möglich. Sollte mir heute etwas derartiges passieren, gibt es mittlerweile eine Telefonnummer, die meine Agentin anrufen würde, und dann würde der Sache nachgegangen.
Trotzdem sind Tatort-Sets auch heute noch lange keine garantierten Gärten Eden der Zusammenarbeit, allein schon wegen des hohen Drucks, der dort herrscht. Die Tatort-Teams sind meistens eingespielte Gruppen von teilweise fest angestellten Mitarbeiter*innen der Sender; ich habe mehrmals ein Arbeitsklima beobachtet, wie ich es mir - sicherlich sehr klischeebehaftet - in einem Büro vorstelle: Von den einzelnen Abteilungen wird wenig kreative Eigenleistung erwartet, eine bestimmte Arbeitsleistung ist zu erbringen und über die Jahre hat sich eine gewisse Resignation eingestellt, während im Hintergrund die Gesamtbudgets immer weiter gekürzt werden. Die anderen Positionen, wie eben der Cast und das Regieteam, werden zu großen Teilen von außen besetzt. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen treffen aufeinander, die Machtverteilung muss erstritten werden, die Unsicherheiten auf beiden Seiten sind groß und die Arbeitsbelastung ist extrem hoch.
Was sich nach meiner subjektiven Erfahrung trotz einer grundsätzlichen Verbesserung seit Beginn der #metoo-Debatte an manchen Sets gehalten hat, ist eine Kommunikationsform, die als Humor bezeichnet wird, aber hauptsächlich die Hierarchie der Gruppe gliedert: Es werden schnell etablierte Insider-Witze gemacht, gerne auf Kosten von Minderheiten oder Einzelnen, die sich in dieser Position mehr oder weniger wohl fühlen. Dabei ist jede Form des Andersseins willkommenes Ziel - Frauen, Queerness, migrantisch markierte Menschen, jede Abweichung von der weißen, männlichen, heterosexuellen Norm eignet sich. Das Ganze wird zentralisiert auf ein paar Figuren, die diese Kommunikationsform dominieren. Dieser Machthaber-Humor erschafft eine eigentümliche Form von Gemeinschaft, und wenn du nicht mitlachst, gehörst du nicht dazu. Und darauf freue ich mich? - Dann vielleicht doch lieber zurück zu „meinen Pommes“? Nicht ganz, denn das ist ja beileibe nicht an jedem Tatort-Set so, wende ich gegen meine Erinnerung ein. Es gibt ja auch die ruhigen Sets, die konzentrierte Stimmung, die wunderbaren Kolleg*innen, kreativen Caster*innen, starken Regisseur*innen und mutigen Redakteur*innen.
Aber was sind das eigentlich für Filme, diese Tatorte? Die Drehbedingungen, unter denen sie entstehen, habe ich oben kurz umrissen. In anderen Artikeln auf diesem Blog ist detailliert nachzulesen, welche rückwärtsgewandten Geschlechterbilder und verzerrte Darstellung von Migrant*innen und People of Color im Tatort häufig anzutreffen sind und wie stark der Ausschluss bestimmter gesellschaftlicher Gruppen immer noch vorherrscht. Ich bin eine sehr privilegiert
aufgewachsene, weiße Schauspielerin, die allgemein heterosexuell wahrgenommen wird. Für mich ist bei jeder Rolle die bange Frage: Muss ich nackt spielen? Für meine Kolleg*innen mit Migrationserfahrung, nicht-weißer Hautfarbe oder physisch „anders“ gelesener Körperlichkeit oder Sexualität folgt auf die Frage, ob sie nackt spielen müssen, eine ganze Reihe von bangen Fragen hinsichtlich der Ausstellung ihrer „Andersartigkeit“, die Drehbuch und Regie von ihnen verlangen könnten. Wie unangenehm diese Zusammenkunft mit den Realitäten unserer Branche für diese Kolleg*innen sein muss, kann ich nur entfernt ahnen. Es muss mindestens so unangenehm sein wie nackt spielen, wahrscheinlich ist es noch wesentlich unangenehmer. Es ist also wirklich dringend nötig, dass sich etwas im Gros der Tatort-Drehbücher und der Inszenierungen ändert, damit diese bangen Fragen von kreativen Fragen abgelöst werden, die einen Tatort zweifelsfrei zu einem besseren Film machen würden.
Ich habe in den letzten Monaten einen Tatort und einen Polizeiruf 110, den Bruder des Tatorts mit ostdeutschen Wurzeln, gesehen, die mich beeindruckt haben. Den Tatort „Für immer und dich“ hat Julia v. Heinz inszeniert; er erzählt spannungsreich das Ende einer Beziehung zwischen einer Vierzehnjährigen und einem Mann mittleren Alters. Der Polizeiruf 110 „Heilig sollt ihr sein“ von Rainer Kaufmann begibt sich auf die rätselhafte Reise eines von religiösem Wahn befallenen Jugendlichen, der in seinem imaginierten Heilungsbewusstsein ein junges Mädchen grausam tötet. Beide Filme sind gänzlich unterschiedlich und verdienen eigene Rezensionen an anderer Stelle. Beide haben mich verstört und berührt zurück gelassen, denn es kommen Dinge darin vor, die
nicht zur Gänze erklärbar sind, trotzdem aber auf der Welt existieren. Wenig überrascht war ich,
als ich in den Kommentaren oder dem Feuilleton gelesen habe, Julia v. Heinz’ Film sei ja eigentlich gar kein Tatort, bzw. Rainer Kaufmann habe gar keinen richtigen Polizeiruf gemacht.

Da sitze ich nun, bin berührt, vielleicht sogar erschüttert vom abendlichen Hauptprogramm der ARD, und erfahre, das sei gar kein Tatort. Gehört zum wahren, schönen und guten Tatort also, dass ich beim Zuschauen garantiert nicht verstört werde? Vielleicht ja. Was ist denn essentieller Bestandteil eines Tatorts? Es gibt immer mindestens eine Leiche. Die emotionale Dimension des Todes beschränkt sich aber meistens auf einige Szenen mit den Hinterbliebenen des Opfers. Darin müssen die Schauspieler*innen versuchen, möglichst authentisch den Horror einer unerwarteten Todesnachricht abzubilden (gelingt nicht immer, ist aber weniger Schuld der Schauspieler*innen als vielmehr ein Problem der erzählerischen Struktur). Der Tod tritt auf, geht aber auch schnell wieder ab und wird insofern von den Kommissar*innen besiegt, als sein Erscheinen begründet und erklärt wird. Obwohl Krimis stark über das Auslösen von Ängsten funktionieren, ist die Angst gleichzeitig unter Kontrolle, denn wir wissen: Der Fall wird gelöst werden und die „Wahrheit“ wird
ans Licht kommen. Nun ist der Tod im echten Leben aber nicht zu besiegen oder zu erklären. Oft kann der „Fall“, also ein Problem, ein Konflikt, eine Angst nicht gelöst werden, sondern er bleibt in unserem Leben einfach hocken und wir müssen damit umgehen. 

Ein Fernsehformat, das seit 50 Jahren trotz der Morde und der Gewalt eine ungemein beruhigende Wirkung auf sein Publikum hat, ist interessant. Das gilt natürlich nicht allein für den Tatort, sondern es gibt ja geradezu eine Obsession des deutschen Fernsehens mit Kriminalgeschichten. Überall wird gemordet, erklärt und beruhigt. Vielleicht würde es sich lohnen, diesem Bedürfnis nach Beruhigung, das viele Deutsche offensichtlich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau überfällt, ernst zu nehmen und darüber nachzudenken, woher dieses immense Bedürfnis des Publikums nach Beruhigung kommt. In einem Land, das neben weiteren Gräueltaten allein im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege und einen systematischen Völkermord an den eigenen Landsleuten angezettelt hat, ist das Bedürfnis nach einem Überblick über das Kriminelle und besonders eine Plausibilisierung der Verstrickung in böses Handeln wahrscheinlich tief verwurzelt.

Trotzdem bleibt zu wünschen, dass die Grenzen dieses erfolgreichen Formats unbedingt weiter ausgebaut werden. Dass dem Bedürfnis nach Beruhigung und Ordnung nicht durch Vorhersehbarkeit und Wiederholung nachgekommen wird, sondern dass tatsächliche Vorstöße in Bereiche unternommen werden, die uns unbekannte Lebensbereiche aus einer immer komplexer werdenden Welt erfahrbar machen. Denn auch dazu kann ein Tatort - wie beispielsweise in den
beiden umrissenen Filmen - in der Lage sein. In diesem Sinne kann das Publikum eine Beruhigung erfahren, die nicht durch ungenaues Hinsehen, das einem Wegsehen gleichkommt, sondern durch ein echtes Erkennen erfolgt. Diese Beruhigung würde sich wahrscheinlich auch erst nach einigem Nachdenken einstellen, man müsste erstmal verarbeiten, was man da gesehen hat, bevor man
nahtlos die Talkrunde bei Anne Will anschaut.
Solang das Tatort-Format in vielen Fällen ein willfähriges Produkt zur Beruhigung deutscher Gemüter ist, ähnelt es für mich als Zuschauerin dem Bereich, den ich „meine Pommes“ nennen würde. Wenn ich betrübt über die Tatsache abschalte, dass 1,4 Millionen Euro Budget in ein an mir vorüberziehendes, gestrig wirkendes Machwerk geflossen sind, würde ich wahrscheinlich „meine Fresse“ murmeln. Und vom Bereich „mein Land“ sind wir noch sehr weit weg - aber das ist ja ohnehin ein ambivalenter Begriff.

Die Schauspielerin und Regisseurin Lisa Charlotte Friederich sucht künstlerische Grenzgänge zwischen performativem Musiktheater, klassischem Schauspiel und eigenen Filmen auf. Ihr Debutfilm LIVE gewann den Hauptpreis des LICHTER Filmfest Frankfurt und kommt Ende des Jahres in die Kinos.

Biene - 11:56:20 @ Andere Tatorte | Kommentar hinzufügen