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2020-11-09

17_ICH WAR 12

tatort-voll-auf-hass-3-720x469.jpgAus dem Hamburger Tatort “Voll auf Hass” © NDR/ARD

Originaltitel: Voll auf Hass
Erstausstrahlung: 08.11.1987
Buch: Bernd Schadewald
Regie: Bernd Schadewald
Kamera: Jochen Radermacher
Schnitt: Anja Cox
Musik: Ingfried Hoffmann
Produktion: Matthias Esche

Blogbeitrag von Gürsoy Doğtaş
Veröffentlicht am 09.11.2020

Ich war 12, als am 8. November 1987 „Voll auf Hass“ (der 198. Tatort) zur Primetime im Fernsehen lief. Vielleicht sah ich mir diese Erstausstrahlung allein an, vielleicht war ein Teil meiner Familie anwesend. Wenn ja, haben wir uns nicht über die verstörenden Bilder ausgetauscht. Auch wenn ich den Unterschied zwischen Fiktion und Fakten kannte, war es, als hätte ich die Rekonstruktion eines unabgeschlossenen, realen Kriminalfalls gesehen, wie sie Eduard Zimmermann bei Aktenzeichen XY … ungelöst anmoderierte. Als würde mich der Tatort auffordern, mit zweckdienlichen Hinweisen bei der Überführung des Täters mitzuhelfen. Dabei wurden die Täter am Ende der Episode gefasst und der Fall war somit abgeschlossen. Der Täter ist ein Skinhead, der in einer Gruppe mit anderen Skinheads die Verlobungsfeier zwischen Erdal Bicici (Tayfun Bademsoy) und Dagmar Lobeck (Heike Faber) im Restaurant „İstanbul“ gestürmt hat – Inhaber und Gastgeber ist der Vater Mehmet Bicici (Djamchid Soheili) des Verlobten –, das Lokal verwüstete und Erdal Bicici zu Tode schlug. Ein anderer Täter ist der Vater der Verlobten, Gerhard Lobeck (Ulrich Pleitgen), der die Verbindung seiner Tochter mit einem Türken um jeden Preis verhindern will und doch davon überrascht wird, als dies zum Mord an Erdal Bicici führt. Der letzte Täter ist der Mittelsmann Martin Fuhrmann (Gerhard Olschewski), ein Freund von Gerhard Lobeck. Fuhrmann leitet die rechtsradikale Partei DAF. Auch er will die Verlobung nicht und hetzt daher „seine“ Skinheads im Sinne von Gerhard Lobeck auf die Feier.
          Da ich mit 12 tagtäglich gewaltbereite Skins in der Innenstadt Hannovers sah, kam mir der Fall hinterher dennoch ungelöst vor. Sie standen um die Kröpcke-Uhr herum oder vor dem benachbarten Gebäude der Bekleidungshauskette Peek & Cloppenburg. In „Voll auf Hass“ sah ich ihre Gesichter, ihre mit Symbolen gespickte Kleidung und Haut zum ersten Mal in Nahaufnahme, hörte ihre grünen Bomberjacken rascheln. Eines dieser Erkennungszeichen sollte den Mörder von Erdal Bicici überführen. Über die Grundglieder seiner Finger hatte sich der Mörder das Wort HASS tätowieren lassen, die zwei letzten Buchstaben in Runenschrift, also den „Siegrunen“ der SS gleich. Die Farbe dieser Buchstaben wollte auch nach vielen Jahren nicht verblassen. Wie auch das Gefühl, von Personen gehasst zu werden, die ich nicht kannte (die mich nicht kannten).
          Als ich diese Episode neulich ein zweites Mal sah, begriff ich das diffuse Unbehagen des zwölfjährigen Gürsoy. Der Tatort als mediale Institution will zwar zu gesellschaftlichen Themen wünschenswerte Haltungen und Handlungen unter der Prämisse einer offenen und toleranten Kultur der Bundesrepublik anbieten (so die teilweise wortwörtliche Lobpreisung der akademisch geschulten Fans), verfestigt hierbei aber stereotypisierte Weltbilder. Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer), die beiden Kriminalhauptkommissare, sind hiervon nicht ausgenommen. Während die beiden weißen Helden an einem „fremdenfeindlichen” motivierten Mord ermitteln, schreiben sie unhinterfragt den strukturellen Rassismus der Polizei (und des Tatorts) fort.
          Bevor die Polizisten auftauchten, um den Tatort abzusichern, schien die Sprache in „Voll auf Hass“ keine Barriere zu sein. Die als Türk*innen eingeführten Figuren unterhielten sich auf Deutsch und Türkisch. „… Es ist immer noch besser, als wenn ich anfange Türkisch zu lernen…“, spricht Brockmöller gleich in seiner ersten Einstellung etwas entnervt in das Polizeifunkgerät. Die Distanz zu den in Hamburg lebenden Türk*innen wurde zuerst visuell durch die rot-weißen Polizeiabsperrbänder, dann durch abschirmende Polizeiautos und Krankenwagen hergestellt, dann durch Brockmöllers nur halb ausgesprochene Order, eine/n Dolmetscher*in aufzutreiben zusätzlich gesteigert. Der Tatort gruppiert die Menschen in „Wir“ und „Sie“ und reproduziert mit dem polizeilichen Schutzkordon auch gleich die institutionalisierten Ausgrenzungsmaßnahmen nach Zugehörigkeit.
          Bis dahin erzählte der Haupthandlungsstrang die Geschichte von zwei Verliebten, die durch die Kraft ihrer Liebe und ihrer anstehenden Vermählung dabei waren, Trennungslinien von class und race zu überwinden. Diese kitschig-romantische, heteronormative Beziehung aus schmatzenden Küssen zeigte ein zuweilen unsicheres, junges Paar vor einem Übergangsritus: ihrer Verlobung. Ihre kulturellen Unterschiede tragen sie untereinander nicht als Konflikte aus; dies wird von dem Drehbuchautor Bernd Schadewald, der auch Regie geführt hat, Dagmars Vater überlassen. Dagmar wiederum verharmlost den Rassismus ihres Vaters und appelliert an Erdals Einsicht. Er müsse doch verstehen, sagt sie, dass sich ihr „Vater etwas Anderes vorgestellt habe für seine Tochter, als …“ das Wort wird nicht ausgesprochen und Erdals Attribuierung ausgespart. Dagmars unvollständiger Satz verzichtet auf die Wiederholung der womöglich beleidigenden Worte ihres Vaters. Statt die Worte von sich zu weisen, begegnet sie ihrem Vater und seinen Ansichten empathisch und fordert von Erdal eine ähnliche Haltung ein.
          Die als Toleranz verklärte Komplizenschaft mit einem rassistischen und patriarchalen Gesellschaftssystem setzen die Kriminalhauptkommissare fort. Selbst am Ende der Episode als sich andeutet, dass Dagmars Vater den Mord an Erdal (indirekt) in Auftrag gegeben hat, nehmen sich Paul Stoever und Peter Brockmöller bei einer Currywurst und Pommes an einer Imbissbude Zeit, um seinem Rassismus Verständnis entgegenzubringen. Zwischen den beiden Kommissaren herrscht Konsens, dass keiner einen Türken als Partner für die eigene Tochter wünscht – oder auch nur wünschen kann:

Paul Stoever: 
Sag mal, was würdest du eigentlich machen, wenn deine Tochter mit einem Türken nach Hause kommen würde?

(Pause)

Peter Brockmöller: 
Kommt darauf an. Wenn der Vater auch ein gut gehendes Restaurant hätte, würde ich ihr meinen Segen geben und würde mich zur Ruhe setzen.

Paul Stoever: 
Das sagst ausgerechnet du. Du weißt doch jetzt schon nichts mit dir anzufangen. Aber mal im Ernst. 

Peter Brockmöller: 
Nichts.

Paul Stoever: 
Klingt ganz gut. Aber, wenn es wirklich passieren würde.

(Pause)

Peter Brockmöller: 
Das sag ich, weil ich sowieso nichts machen könnte. Selbst, wenn ich es wollte. (Pause) Wie würdest du bei deiner Tochter reagieren?

Paul Stoever: 
Hab keine Tochter.

Peter Brockmöller: 
Bist fein raus, was? 

Paul Stoever: 
Also besonders glücklich wäre ich nicht darüber. Ich würde ihr schon sagen, dass ich da Probleme sehe. Dass da Welten aufeinanderprallen. Religion, Moral, Sitten … was weiß ich, was da alles eine Rolle spielen würde. […] Eins würde ich aber auf keinen Fall machen, ich würde meinem künftigen Schwiegersohn kein Rudel Skinheads auf den Hals hetzen.

Peter Brockmöller: 
Du kommst ja auf merkwürdige Ideen.

Paul Stoever: 
Findest du?

Peter Brockmöller: 
Vielleicht hast du ja Recht. Vielleicht sollte man wirklich nicht nur über die Probleme der Ausländer reden. Vielleicht sollte man auch daran denken, wie es einem armen Schwein an deutschen Vater geht.

Paul Stoever: 
[…] Was hast du da eben gesagt? Kann du es nochmal sagen?

Peter Brockmöller: 
Was?

Paul Stoever: 
Das mit dem Problem und den Deutschen.

Peter Brockmöller: 
Hmmm … man sollte auch die Probleme der Deutschen nicht vergessen.

Paul Stoever: 
Das hab ich schon mal irgendwo gehört.

Peter Brockmöller: 
Das hast du vor einer Minute mit anderen Worten gesagt.

          Über die Zugewanderten aus der Türkei wie auch deren in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder entscheidet sich der Tatort als „Ausländer“ zu sprechen und betont damit allein die Unterschiede zwischen „den Deutschen“ und „den Ausländern“. In einer Episode über einen rassistisch motivierten Mord werden die eigenen xenophoben Weltbilder, wie auch die sie beschreibenden Wörter, eben nicht in der für den Tatort typischen pädagogischen Manier exemplarisch-kritisch für das Millionenpublikum hinterfragt. Vielmehr erhärtet der Tatort solche Denkmuster. Obwohl die beiden Kriminalhauptkommissare an der Aufdeckung des Mordes an Erdal Bicici arbeiten, bringen sie in dem Dialog kein Mitgefühl für die traumatisierte Familie des Opfers auf – nicht einmal dem Anschein nach. Der mögliche „Verlust“ der Tochter an „einen Türken“ wiegt für die Kommissare schwerer und ist es daher eher wert, gedanklich durchgespielt zu werden, als der Verlust eines Sohnes durch ein Hassverbrechen. Für die beiden Kriminalbeamten scheint es naheliegender, in dem weißen Deutschen ein vernachlässigtes, benachteiligtes Opfer zu sehen, ungeachtet davon, dass ihrem Kriminalfall eine genau entgegengesetzte Geschichte zugrunde liegt. Ihren Sympathien mit einer rassistischen fremdenfeindlichen Gefühlswelt gibt der Tatort einen aufklärerischen Anstrich, anstatt diese suspekt erscheinen zu lassen.
          Die Ausgrenzung der türkischen (Post-)Migrant*innen durch die Neonazis verdoppelt „Voll auf Hass“ mit filmischen Mitteln. Zwar sind alle Figuren schablonenhaften und eindimensional typisiert, jedoch wird die individuelle Entwicklung des jungen Neonazis Kralle (Mario Irrek) – dem jüngeren Bruder des Mörders–, dessen sich Paul Stoever mit einer Ermittlungsaufgabe erst brutal, dann väterlich annimmt, wie eine Miniaturversion eines Coming-of-Age-Dramas ausgeschmückt. Zum Ende der Episode wirkt der Nazi-Skin vertrauenswürdig, nahbar und geradezu liebenswürdig. Eine Dynamik, die ohne Paul Stoevers Feinfühligkeit für Kralles Schwächen nicht möglich wäre. Während Stoever als väterlicher Kommissar Einblicke in Kralles Persönlichkeit, Motive und Hintergrund eröffnet, reduziert der Tatort die Facetten von Mehmet Bicicis Persönlichkeit auf eine starre, archaische Maskulinität, Typ einsamer Wolf, wo doch während der Verlobungsfeier die Größe des türkisch-sprechenden Familien- und Bekanntenkreis unterstrichen wurde. „Voll auf Hass“ lässt den türkischen Vater darüber hinaus dubios und kriminell erscheinen und macht aus einem Opfer von Hass auf diese Weise eine Bedrohung und Gefahr. Der Tatort verleiht Kralle individuelle und geradezu verharmlosende Züge und stereotypisiert Mehmet Bicici als repräsentativ für die rassifizierte Gruppe der „Ausländer“.
         Schon in der zweiten Minute wird das Restaurant „İstanbul“ von zwei Männern aus einem Verbrechersyndikat aufgesucht, um von Mehmet Bicici Schutzgeld zu erpressen. Er wehrt sie bestimmt und erfolgreich ab, doch ist diese Aufrichtigkeit nur in der Umgebung einer Schattenwelt zu haben. Anders als die Skins, die kontinuierlich – wenn auch gezwungenermaßen – in die korrekten Abläufe der kriminalpolizeilichen Arbeit eingebunden sind, kooperiert Mehmet Bicici nicht mit der Kriminalpolizei, sondern beginnt einen Rachefeldzug auf eigene Faust. Nach der Logik des Tatorts muss er lediglich eine Straße in einem Viertel mit türkischen Läden hinuntergehen, um sich einen Revolver zu beschaffen. Eine weitere Botschaft besteht darin, dass die Daseinsberechtigung und Bewegungsfreiheit der „Ausländer“ nur auf „ihr“ Viertel beschränkt wird. Eine Art von türkisch und zugleich unheimlich klingender Musik exotisiert dieses Fremde mitten in Hamburg. In einem An-und-Verkauf-Trödelladen weiß der Inhaber Yüksel Özbal (Engin Akcelik) – er hatte auch die Verlobung von Erdal und Dagmar vollzogen – sofort, weshalb ihn Mehmet Bicici aufsucht. Fast ohne ein Wort mit seinem Kunden zu wechseln (dies liegt auch daran, dass die Rolle von Mehmet Bicici nicht, wie bei den anderen „Türkenrollen“, mit einem türkisch-sprechenden Schauspieler besetzt ist) überreicht Yüksel Özbal diesem in einem Hinterzimmer den in ein Tuch gewickelten Revolver. Selbst in Szenen, in denen die „Ausländer“ untereinander ihre Perspektive verbalisieren könnten, schmälert der Tatort ihren Sprachbeitrag drastisch. Die Rollen mit der argumentativen Überlegenheit bleiben exklusiv den Weißen reserviert. Nur sie sind scheinbar benachteiligt, und ihnen gesteht der Tatort auch zu, dies näher zu erläutern. Im Trödelladen jedoch scheint jeder bereits zu wissen, was zu tun ist. So undurchdringlich die (Parallel-)Gesellschaft mit den türkischen Wurzeln auch wirken mag, scheinen ihr Wunsch nach Vergeltung und ihre Bereitschaft zur Selbstjustiz so berechenbar getaktet zu sein wie das Werk einer Uhr. Der Nachname Bicici – im Türkischen geschrieben Biçiçi – lässt sich mit Sensenmann übersetzen und determiniert gewissermaßen Mehmet Bicicis Schicksal. Auch als dieser feststellt, dass nicht das Verbrechersyndikat – als erpresserisches Druckmittel – seinen Sohn durch einen Skinhead umbringen ließ, kehrt er nicht zu dem rechten – den rechtsstaatlichen – Weg zurück. Sein Handlungsspielraum bleibt limitiert. Er beginnt mit den Kriminellen des Syndikats zu kooperieren, damit sie für ihn Rache am Mörder seines Sohnes nehmen.  Damit akzeptiert er deren Geschäftsbedingungen und wird so zu einem Akteur im Milieu der organisierten Kriminalität.
          Der simple Spannungsbogen der Handlung verwirklicht sich auf Kosten von Mehmet Bicici und relativiert, ja entlastet damit sowohl den Rassismus der weißen Figuren als auch die Strukturen, die ihn stützen. Mehmet Bicicis fragwürdiges Handeln erlaubt es dem Tatort, sowohl die weißen, rechten Protagonisten als auch die rassistischen Strukturen und die Geschichte der Polizei unreflektiert zu lassen. Als würde sich Rassismus allein auf interpersonaler Ebene ereignen, ohne historisch gewachsene Ursachen, ohne deren institutionelle wie auch systemisch-gesellschaftliche Dimension. Der Fall wird am Ende der Episode aufgelöst, aber die Schuldzuweisung an die Opfer – die Täter-Opfer-Umkehr – bleibt bestehen.
          In den Jahren nach dieser Tatortepisode kommt es für mich zu keinem Zusammenstoß mit den Skinheads in der Fußgängerzone, dafür aber mit der Hannoveraner Polizei. Als ich 15 bin, werde ich im Einsatzwagen auf dem Weg zur Polizeistation von einem Polizisten verprügelt. Mein Vergehen: Ich hatte mich nicht ausweisen können. Bevor sie mich in die kalte Zelle des Untersuchungsgefängnisses stecken, muss ich mich vor vier Polizisten nackt ausziehen. Einer der Polizisten steckt im Zuge einer Leibesvisitation seinen Finger in mein Rektum und sucht ausgiebig nach möglicherweise dort versteckten, illegalen Drogen. Obwohl es nicht den geringsten Anhaltspunkt für einen solchen Verdacht gab. Später erfahre ich, dass auf derselben Polizeistation schon Festgenommene gestorben sind, weil sie „die Treppe hinuntergefallen waren“. Der Staatsanwaltschaft seien diese Fälle bekannt, aber sie gehe nicht gegen die rassistischen Strukturen in der Polizei vor, sagte man mir damals. Viele Jahre später erfahre ich, dass auf eben dieser Polizeistation Geflüchtete, die sich nicht hatten ausweisen können und deshalb festgenommen worden waren, misshandelt wurden. Die Bilder ihrer gequälten Opfer teilten die Polizist*innen prahlerisch per Whatsapp.
          Als Jugendlicher wusste ich, weshalb mir die Skinheads Angst machten, aber der Tatort „Voll auf Hass“ lehrte mich – zu dieser Einsicht komme ich nun – weshalb ich auch Angst vor der Polizei haben sollte.

Gürsoy Doğtaş ist Kunsthistoriker, Publizist und Kurator, der an den Schnittpunkten zu Institutionskritik, struktureller Rassismus und Queerstudies arbeitet. Er promovierte an der LMU München über “Chantal Mouffes Demokratietheorie im Ausstellungsdiskurs der Biennalen” (2020) und forscht nun als Datenkurator am Archiv Image+ der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Biene - 21:40:21 @ Allgemein | 1 Kommentar

  1. Sanne Kurz

    2020-11-13

    Ich sitze seit geraumer Zeit in einem Rundfunkrat. Wir wundern uns - als Gesellschaft und als Rundfunkräte - wieso öffentlich rechtliches Programm nicht (mehr?!) alle Menschen der Gesellschaft erreicht. Dass Film es leisten könnte, normative Vorbilder für alle gesellschaftlichen Gruppen zu skizzieren, statt normative Klischees zu zementieren und rückwärtsgewandt zu agieren, ist leider keineswegs Konsens. Die krittelnden und mäkelnden Rundfunkratsmitglieder werden vertröstet, Programmverantwortliche ducken sich weg, bis der Sturm weiter zieht. Öffentliche Mittel aber sollten so verwendet werden, dass sie für alle gesellschaftlichen Gruppen sinnhaft im Sinne des Verfassungsauftrags Einsatz finden - und positiv im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes gesellschaftliche Modelle skizzieren: wo es heute in der realen Welt noch wenig Ermittlerinnen asiatischer Ethnie, wenig Schuldirektorinnen mit afrikanischen Urahnen gibt, braucht es um so dringender für junge Menschen diese Vorbilder in den Medien, damit sie den Schritt wagen, dorthin zu gehen, wo sie es möchten - und nicht dorthin, wo “ihresgleichen” vermeintlich hingehören und wegen racial Biasses über Jahrzehnte verortet wurden. Nur so, mit Medien, die “überrepräsentieren” können übrigens auch Menschen wie ich, die keine POCs sind, keinerlei Akzent sowie einen sehr deutschsprachigen Namen haben, positive wie negative, unbewusste Vorurteile nachhaltig begraben.
    Dazu braucht es Redaktionen und Filmschaffende, die divers sind, öffentliche Mittel, deren Vergabe an Diversität geknüpft wird, und last not least:
    Rundfunkräte, in denen nicht nur eine Person von 50 Mitgliedern alle Migrant*innen eines Staats mit 13 Millionen Menschen, 20% davon mit Migrationshintergrund, vertritt!
    1/5 statt 1/50stel! - Das schreibe ich hier für meinen Rundfunkrats-Kollegen und Freund, Hamado Dipama.
    Was hilft? Petitionen an Landesparlamente stellen, Protestbriefe an Landesregierungen schreiben, laut sein, dran bleiben.

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