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2020-12-01

18_MEIN VATER, MEIN KHAN

tod-und-spiele-106__v-varxl_4f6e04.jpeg                                       Aus dem Dortmunder Tatort “Tod und Spiele” von Maris Pfeiffer ©WDR/ARD

Originaltitel: Tod und Spiele
Erstausstrahlung: 07.10.2018
Wiederholung: 16.10.2020

Buch: Wolfgang Stauch

Regie: Maris Pfeiffer
Kamera: Eckhard Jansen

Schnitt: Simone Hofmann
Musik: Jörg Lemberg

Produktion: Warner Bros. International Television, WDR
Redaktion: Frank Tönsmann, WDR

Blogbeitrag von Thomas Koessler

Veröffentlicht am: 01.12.2020

Ein neuer Kollege im Ermittler*innen-Team, illegale Fights im Dortmunder Untergrund und ein soziopathischer Hauptkommissar in Bestform. Es wird viel geboten im Tatort „Tod und Spiele“. Glaubwürdigkeit seiner Handlungen und eine gesellschaftliche Aussagekraft standen dabei aber anscheinend nicht im Fokus.

Als ich gefragt wurde, für den Blog NichtmeinTatort zu schreiben, habe ich mit Freude zugesagt. Als weißer Mann gehöre ich keiner diskriminierten Minderheit an und kann und muss viele diskriminierende Erfahrungen der bisherigen Autor*innen nicht selber erleben. Auch deshalb war es für mich spannend, herauszufinden, was meine Perspektive im Kontext einer feministischen und intersektionalen Betrachtungsweise anbieten kann.
Die Blickrichtung war dabei klar: Von einem öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsformat, das mit den Gebühren jedes einzelnen Mitglieds seiner vielfältigen Gesellschaft bezahlt wird, erwarte ich, dass es sich mit aktuellen gesellschaftlichen Diskursen auseinandersetzt, und, ganz wichtig, dazu eine Haltung präsentiert, die “unseren” Werten entspricht. Dabei bezieht sich “unser” auf die Gesellschaft, die wir gern sein wollen: gleichberechtigt, divers, demokratisch. Dafür habe ich mir wahllos einen der nächsten ausgestrahlten Tatorte ausgesucht und mich -zunächst vorbehaltlos- überraschen lassen.

Was ist passiert? Zwei Kleinkriminelle veranstalten im Dortmunder Untergrund illegale Martial-Arts Kämpfe. Die Besonderheit: die Kämpfe werden für ein illustres Publikum bis zum Tod geführt und mit Wetteinsätzen angereichert. Die Leichen der Verlierer werden später von den Veranstaltern in einer abgelegenen Industriehalle verbrannt.
Beim letzten Todesopfer übersehen sie aber dummerweise den Zimmerschlüssel des Hotels, in dem sowohl die auswärtigen Kämpfer als auch ein Teil der Gäste untergebracht sind.

Diese heiße Spur führt die Kommissar*innen Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt) in das zum Schlüssel gehörende Hotelzimmer. Hier finden sie einen kleinen Jungen (Cecil Schuster) vor, der – grundlos– unter dem Bett kauert und dort vergeblich auf die Rückkehr seines Vaters, eines der verbrannten Kampfopfer, wartet. Den Verlust des Vaters kompensiert er dann mit Videospielen auf dem Revier, anstatt untersucht oder gar einer professionellen Betreuung übergeben zu werden.

Die Ermittlerin Bönisch, die im selbigen Hotel wohl früher einmal Callboys empfangen hat, gewinnt als Undercoveragentin kurzerhand die Aufmerksamkeit des verdächtig wirkenden russischen Oligarchen Kambarow (Samuel Finzi), indem sie sich nicht sofort auf seinen Flirtversuch einlässt. Der leitende Ermittler Faber reagiert höchst eifersüchtig auf diese romantisch anmutende Wendung, wenn er nicht gerade der jungen Kollegin Dalay (Aylin Tezel) ausgiebig beim Schlafen zusieht. Faber ordnet sie ab, sich um den kleinen Jungen zu kümmern, den er wegen seiner zwar ungeklärten, aber von ihm östlich vermuteten Herkunft „Kleinkhan“ tauft. Dalay kümmert sich mit großem Unwillen um den Waisen, der sie wenig später K.O. schlägt und ihre Waffe klaut, nur um diese in der nächsten ihm gewidmeten Szene aus eigenem Antrieb wieder zurück zu geben.

Währenddessen war auch der neue Kollege Pawlak (Rick Okon) im Undercover-Einsatz aktiv. Als sporttreibender Aufzugsingenieur fand er eine schlagende Verbindung zu dem tschetschenischen Kampfsportler Abuzar (Surho Sugaipov), der tagsüber in der abgerockten Sportbude als Trainer arbeitet und nachts um Leben und Tod für viel Geld in der illegalen Arena kämpft.

Am Ende fliegt das illegale Business schließlich auf. Es waren die Rezeptionistin des Hotels (Victoria Mayer) und ihr ehemaliger Fahrer. Der russische Oligarch hat überraschenderweise nichts mit der Sache zu tun, bekommt aber als Strafe von Faber und Bönisch den Jungen aufgebrummt, der bei diesem fremden Mann wohl besser aufgehoben scheint als bei seinen Verwandten oder einer Pflegeinstitution. 

Habe ich etwas vergessen? Ach ja, die verbrannten ausländischen Kämpfer vom Anfang, was war mit denen nochmal?

Die Entscheidung, in Dortmund mit vier Ermittler*innen in die Fälle zu gehen, rebelliert mutig gegen die Richtlinien einer konventionellen Tatort-Erzählökonomie und verlangt nach entsprechend komplexe(re)n Handlungen. Die Herausforderung besteht darin, alle vier ermittelnden Figuren im Spiel zu halten. Dass dabei in der Charakterzeichnung manchmal mit dem Holzhammer gearbeitet wird, ist nicht unbedingt ein Manko.

Hauptkommissar Faber ist unerträglich. Kein Wunder, dass ihn niemand mag. Permanent piesackt er die Kollegin Bönisch und verletzt wiederholt ihre Privatsphäre, sei es mit Anspielungen an ihre romantischen Abenteuer als auch mit recht aggressiven Besitzansprüchen, als Bönisch sichtlich Gefallen an dem schwerreichen Russen Kambarow findet. Faber markiert auch den Platzhirsch gegenüber dem neuen, jungen Kollegen Pawlak, den er gegen dessen Willen sogleich zur Undercover-Arbeit verdammt. (Das sollte Pawlak aber tatsächlich besser nicht machen, solange er es für eine gute Idee hält, während des verdeckten Einsatzes in Hörweite krimineller Verdächtiger mit seiner kleinen Tochter zu telefonieren.) Die ehrgeizige, aber dauerunzufriedene Kommissarin Dalay hält der Chef derweil schön unter sich. Faber speist sie mit der Rolle als Babysitterin für den Jungen ab. Inszenierung und Kameraführung betonen dabei das Machtverhältnis zwischen den beiden: Nachdem Faber die junge Kollegin beim Schlafen beobachtet (Dalay auf dem Boden, Faber auf einem Stuhl, während ihre Haare so schön um das Gesicht fallen), kokettiert er im darauffolgenden Gespräch damit, dass er als Bettgefährte nicht schnarcht. Was soll Dalay mit dieser Information anfangen? Da hilft auch ein durch Fabers sentimentalen Gesichtsausdruck angedeuteter Tochterkomplex nicht mehr, um die Übergriffigkeit seiner Worte zu relativieren.

Es knistert also zwischenmenschlich. Das hat Potential. Es ist ein gelungener Kniff, das ermittelnde Team in eine Art familiäres Verhältnis zueinander zu setzen, mit all seinen Spannungen und Konflikten. 

In diesem Familienbild steht Faber als Patriarch offensichtlich an oberster Stelle. Sein Wort ist Befehl, alle haben ihm zu gehorchen. Nur Bönisch schafft es, ihm dabei auf Augenhöhe zu begegnen. Aus der Geschichte des Dortmunder Tatorts wissen wir, dass sie sich Fabers Rang freiwillig untergeordnet hat. Und sie versteht sich auch darin, sein heimliches Begehren als seine Schwachstelle zu nutzen. Abgesehen davon, dass Bönisch Fabers ständige Übergriffe ertragen muss, wirkt sie gleichberechtigt, weil deutlich wird, dass sie ihm emotional überlegen ist. Dalay als Tochter bleibt in dieser Konstellation völlig unmündig, darf lediglich wie ein trotziger Teenager reagieren, auch wenn sie offensichtlich wertvolle Ermittlungsarbeit leistet. Und nun stößt Pawlak in dieses System wie ein Fremdobjekt. Er trennt Beruf von Familie, besteht auf feste Arbeitszeiten, ist selbstbewusst und widerspricht dem Hausherrn. (Also in etwa so, als ob ein Postbeamter in das Management-Team von Tik-Tok einsteigt). Für Faber ist er eine Bedrohung, wie ein junger Ödipus, der klein gehalten werden muss. Da wundert es nicht, dass er Pawlak sofort mit einem Undercover-Auftrag außer Haus und somit aus dem Blickfeld schafft. Ob Dalay in dem neuen Kollegen einen Bruder und Mitstreiter gefunden hat, bleibt vorerst offen und wird wohl in späteren Folgen noch weiterverhandelt werden.
Dass der Beruf, wie von Faber und Bönisch verstanden, keinen Platz für Privatleben lässt, wird in der Folge offen ausgesprochen. Umso logischer, dass die Kolleg*innen als Ersatzfamilie herhalten müssen. Das ist ein Phänomen, das wir aus der New Economy gut kennen, wo auch versucht wird, die Trennung zwischen privat und beruflich aufzulösen. In unserem Beispiel eben nicht in einem aufstrebenden Startup, sondern in einer Dortmunder Polizeibehörde.

Nun stellt sich die Frage: Was macht der Tatort „Tod und Spiele“ mit der vielversprechenden Ausgangslage dieser interessanten Figurenkonstellation? Wie ist die Haltung der Macher*innen zur toxischen Männlichkeit Fabers? Sollen wir den Kommissar trotz all seiner Unmöglichkeiten mögen und seine Verhaltensweisen am Ende doch billigen?

Aus dem Bereich des Managements wissen wir schon seit einiger Zeit: Toxische Alpha-Tiere, also meistens Männer mit soziopathischen Zügen, sind nicht die Führungskräfte der Zukunft. Ihr Verhalten schadet dem Team und schmälert dessen Effizienz. Langfristig können zynische, um sich tretende Vorgesetzte die Motivation ihres Teams nicht bewahren, Synergien nicht nutzen. Sie schaden der Performance des großen Ganzen und traumatisieren die ihnen Untergeordneten. Es hat sich nunmehr herumgesprochen, dass möglichst divers aufgestellte Teams – ohne einen alten weißen männlichen Alleinherrscher – besser aufgestellt sind, um zu nachhaltigen Erfolgen zu gelangen.

Diese Erkenntnis scheint in Dortmund jedoch (noch) längst nicht angekommen. Hier erscheint der Führungsstil Fabers zwar als schwierig, aber dennoch effektiv. Der als „zynisch“ beschriebene Hauptkommissar ist der Strippenzieher, der die Ermittlungen – und auch die Handlung im Allgemeinen – zusammenhält. Keine seiner Macken scheint die Leistungsfähigkeit des Teams zu beeinträchtigen. Ungestraft kann er seine unhöflichen und teils abwertenden Sprüche klopfen. Da ist zum Beispiel sein patriarchales Auftreten gegenüber Dalay. Er gibt ihr keine Chance, sich in ihrem Beruf zu beweisen, so wie der Autor der Figur Dalay, mit all ihrer Vorgeschichte, keine Chance gibt, in die Tiefe zu gehen. Chronisch unterfordert und infantilisiert, lässt sie sich dann auch noch von einem Kind K.O. schlagen und die Waffe klauen. Und muss in dieser Situation ausgerechnet von Faber „gerettet werden“, der sie zuerst beruhigt und dann doch wieder den Ton angibt. Hier kann Faber auf Dalays Kosten glänzen und den Zuschauer*innen beweisen, dass er doch kein ganz schlechter Kerl ist. So ist er nämlich derjenige, der in dieser Stresssituation die Nerven behält und ganz genau weiß, was zu tun ist. Damit dient die Figur Dalay nur als Futter zur Charakterisierung des Chefermittlers.
Das birgt eine gewisse Ironie. Denn während der totalitäre Führungsstil in der Filmhandlung zumindest oberflächlich kritisiert wird, werden ganz ähnliche patriarchale Strukturen in der narrativen Ausgestaltung des Films unreflektiert wiederholt. Der Alphawolf Faber ist der ultimative Impulsgeber. Seine Figur bleibt zentraler Aktionsmotor, um den die anderen Figuren kreisen, die sich nur durch ihn charakterisieren lassen. Die Botschaft, die bei mir als Zuschauer ankommt: Faber ist ein schwieriger Mensch, aber ein toller Ermittler und am richtigen Platz. Man muss ihn halt so nehmen, wie er ist. Diese Art von Verharmlosung kann ebenso toxisch gesehen werden wie Fabers Verhalten selbst.

Es ist also die Haltung der Macher*innen zur Figur, die man ein bisschen verwundert zur Kenntnis nehmen muss. Soll die Botschaft wirklich sein, dass Platzhirsche eine Legitimation in einem Ermittler*innen-Team haben? Dass sie zu besseren Ergebnissen führen, wenn sie soziopathisch, toxisch und autoritär auftreten? Sollen wir in der bemüht witzigen Schlussszene Sympathiepunkte an Faber vergeben, nachdem er sich den ganzen Fall über unmöglich verhalten hat? Diese Fragen scheinen den Macher*innen bewusst gewesen zu sein. Denn nach einer fruchtlosen Diskussion fragt Pawlak seinen Vorgesetzten: „Sind Sie eigentlich wirklich so?“. Faber kontert: „Gute Frage.“ und lässt Pawlak damit stehen. Das stellt für uns Zuschauer klar: eine tiefergehende Antwort können wir in dieser Sache leider nicht erwarten. Die kritische Auseinandersetzung mit der dominanten Figur bleibt so auf einer reinen Alibi-Ebene stecken. Wir müssen uns damit abfinden, dass die Macher*innen anscheinend ganz auf Fabers Seite stehen, seinem Verhalten keine ernsthafte Kritik entgegensetzen. Alle heulen mit dem Alpha-Wolf.

Das ist schade. Eine Gegenerzählung wäre erfrischend gewesen, ohne dabei auf die interessante Figurenkonstellation verzichten zu müssen. Man stelle sich ein Team vor, das trotz der offensichtlichen Kompetenzschwäche der männlich-kindischen Führungskraft den Fall lösen kann. Ein Team, das nicht darauf angewiesen ist, dass der geniale Macker die Zügel in der Hand hält, vielleicht sogar deswegen ab und zu scheitert. Dann gewännen die Figuren um Faber herum auch ein bisschen mehr erzählerische Autonomie und Tiefe. Und dem Kommissar käme eine gewisse Tragik zuteil, als zwischenmenschlicher Loser. Diese Tragik hätten er und wir verdient.
Natürlich ginge das zu Kosten der Faszination an Faber als absolute, logische Instanz und Falllöser. Der Verdacht liegt nahe, dass sich vor allem männliche Zuschauer zumindest teilweise mit ihm identifizieren sollen. Anders ist das Festhalten am Mythos des erfolgreichen, toxisch männlichen Ermittlers nicht zu erklären.
Eine Darstellung ohne eigene Haltung ist jedoch ein Problem. Sie unterstützt die gesellschaftliche Akzeptanz eines veralteten Rollenmodels. Darüber sollten wir doch bereits hinweg sein, oder?

Ebenfalls hinweg sein sollten wir über Stereotype in der Darstellung von People of Color. Es ist keine Neuigkeit, dass der Tatort in diesem Bereich immer noch sehr hinkt. Da macht „Tod und Spiele“ leider keine Ausnahme.
Wieder einmal werden Osteuropäer als bloße Staffage benutzt, um die Krimi-Handlung in Gang zu halten. Das letzte Todesopfer, anscheinend ein Slawe vorerst ungeklärter Herkunft, hinterließ seinen Sohn im Hotelzimmer. Danach kommt sein Schicksal in der weiteren Handlung faktisch nicht mehr vor. Seine Funktion ist mit dem Auffinden seiner Leiche erfüllt. Dieses erzählerische Desinteresse vererbt er sogar an seinen Sohn, „Kleinkhan“. Auch er bietet keinerlei erzählerischen Nutzen, außer, Dalay aus dem Spiel der Ermittlungen zu halten. Er funktioniert als reiner Träger für die Bedürfnisse der ermittelnden Figuren, er ist im Weg - für Dalay während der Ermittlungen und für Faber und Bönisch nach Lösung des Falls am Ende. So benötigt die Handlung dann auch das plötzliche Auftauchen eines fadenscheinigen Testaments, um den überflüssigen Handlungsstrang mit „Kleinkhan“ irgendwie aufzulösen. Der handgeschriebene Zettel eines Mannes, der seinen Sohn zu seinen illegalen Kämpfen mitgenommen hat, genügt hier als Rechtfertigung, um den Jungen Kambarow, einem ihm fremden Mann und somit einem unbestimmten Schicksal in Russland, zu überlassen. Man stelle sich die gleiche Szene vor, wenn der Junge aus Deutschland, Frankreich oder Großbritannien käme. Eine unnötige, peinliche Erzähl-Panne und für Außenstehende unverständlich, wie ein solcher Plot in einer professionellen Drehbuchbesprechung durchgewunken werden kann.

Enttäuschend bleibt auch die Erzählung des tschetschenischen Kämpfers Abuzar, gespielt von Surho Sugaipow (der in der Auflistung der Schauspieler*innen auf der Webseite der ARD jedoch namentlich keine Erwähnung findet). Abuzar hat die Rolle des „edlen“ Kämpfers inne, der seine Brüder aus dem Gefängnis in Tschetschenien befreien will und dafür das Geld der illegalen Wettkämpfe benötigt. In der Folge wird er zunächst vielversprechend, dann aber doch sehr flach und mit Klischees behaftet erzählt. Zum Beispiel scheinen wohl alle Tschetschenen Probleme mit der Justiz zu haben, da reicht die dünne Backstory der Brüder im Knast als Motivation, um in den Ring zu steigen. Eine minimale Figurenzeichnung als fairer Kämpfer wird ihm aber immerhin zugestanden. Der Schauspieler Surho Sugaipow holt mit seinem guten und überzeugenden Spiel im Rahmen der Möglichkeiten das Beste aus dieser Rolle heraus

Das fällt positiv auf, genauso wie Samuel Finzis erfrischende Darstellung des russischen Multimillionärs Kambarow der sich – hingegen der Vermutungen der Kommissar*innen – am Ende doch als ein vergleichsweise harmloser Schelm entpuppen darf. Obwohl er auf den zweiten Blick nicht gerade durch gute Taten glänzt. Bei Kambarow handelt es sich um einen der angeblich am reichsten gelisteten Russen, der in einem zweitklassigen Hotel absteigt, um illegale Gewalt für viel Geld zu bestaunen und Frauen damit zu beeindrucken. Und das gelingt ihm sogar bei Bönisch, die seinem Charme im Verlauf der Geschichte auf der Ladefläche eines Transporters erliegt, sichtlich aufgeheizt durch die martialische, testosterongeschwängerte Darbietung in der illegalen Arena.
Das alles scheint Kambarows grundsätzlicher „Harmlosigkeit“ jedoch keinen Abbruch zu tun. Zumindest nicht gegenüber dem Duo Faber-Bönisch, die ihn als integer genug ansehen, um ihm „Kleinkhan“ am Ende zur Fürsorge zu übergeben.

Alles in allem hat „Tod und Spiele“ eine Chance verpasst. Das toxische Verhalten Fabers birgt große Erzählmomente, denen bisher lediglich eine reflektierte Haltung seitens der Autorenschaft abgeht. Der giftige, anachronistisch anmutende Männlichkeitskomplex Fabers wird nicht entlarvt, sondern gebilligt und belohnt. Das normalisiert sein Verhalten und gesteht dem Typus Alpha-Kindmann eine gesellschaftliche Daseinsberechtigung zu. Darüber hinaus bleibt die Funktionalisierung von PoC-Figuren als gesichtslose Opfer und Massenware ein großes Ärgernis. 


Unterm Strich wurde „Tod und Spiele“ als „nicht schlecht, aber auch noch nicht super“ in den Mainstream-Medien rezensiert. Dem neu ergänzten Ermittler*innen-Team (Faber, Bönisch, Dalay und Pawlak) wurde viel Luft nach oben prophezeit.
Dabei wäre ein Making-of Video zu den Redaktionssitzungen höchstwahrscheinlich noch spannender ausgefallen als das Endprodukt. Wie konnte man sich auf einen solchen, teils absurden und/oder ins Leere laufenden Plot einigen? Welche Kompromisse mussten unter den Macher*innen geschlossen werden, um jegliche Glaubwürdigkeit aus dieser völlig löchrigen Geschichte heraus zu bügeln? Und wie wird in diesen Sitzungen über die Zielgruppe gedacht? Müssen wir vermuten, dass Einigkeit darüber herrscht, dass den Zuschauer*innen ein bisschen Reibung zwischen den Ermittler*innen, verpackt in ein paar knackige Dialoge, für einen befriedigenden Krimi-Abend reicht? Dabei hätte dieses ganze narrative Ermittlungsschlamassel ganz einfach verhindert werden können, wenn mensch in Dortmund einfach nur mal in die Jackentasche gegriffen hätte. Dann hätten die Täter in den Sachen des Opfers nämlich den klobigen Hotelschlüssel ertastet und ihn nicht als einzige, aber aufschlussreiche Spur ihren Häschern überlassen. Und dann hätte das Ermittler*innen-Team ihren Job richtig gemacht, und in der Jacke des Jungen ein Testament seines Vaters gefunden.
Das hätte den gesamten Fall nach fünf Minuten aufgeklärt - und mir als Zuschauer viel Ärger erspart. Aber Zuschauer*innen, denen Diversität und anspruchsvolle Unterhaltung am Herzen liegen, scheinen eben nicht zur Zielgruppe dieses Tatorts zu gehören.

Am 11.02.2018 führte der Tatort-Kritiker Matthias Dell in der Zeit ein Interview mit Murmel Clausen, einem der Autoren des Weimarer Tatorts. Anlass war die Folge „Der kalte Fritte“, mit dem Matthias Dell nicht viel anfangen konnte und deshalb das Gespräch mit der Autorenschaft suchte. Dieses Interview gibt auf sehr anschauliche Weise Aufschluss darüber, warum der Tatort trotz seiner großen erzählerischen Möglichkeiten immer wieder eine Enttäuschung ist. Entlarvend, dass der Drehbuchautor in diesem Interview so genau Bescheid zu wissen scheint, was die Zuschauer*innen brauchen. Mit Zuschauer*innen sind anscheinend Mitbürger*innen gemeint, die den Tatort zwischen Bügelbrett und Zähneputzen nebenher laufen lassen. Da muss man sich ja nicht so große Gedanken um Glaubwürdigkeit und erzählerische Lücken machen. Da kann der Autor ruhig auch mal sagen: „Manchmal ist es ja auch ganz gut, wenn die Leute nicht alles verstehen“. Das ist erfrischend ehrlich und bestätigt den Verdacht, wie bei den Autor*innen und in den Redaktionen des Tatorts anscheinend gearbeitet wird. Eine gewisse Arroganz und bevormundende Haltung gegenüber dem Publikum, das allzu gerne in Sendequoten wahrgenommen wird, scheint nicht ganz von der Hand zu weisen.
Der Elfenbeinturm der ARD ist hoch gelegen und hat dicke Mauern. Dafür ist auch „Tod und Spiele“ ein Paradebeispiel. Da stellt sich natürlich die Frage, was der Tatort eigentlich sein will: ein Krimi auf Bügelfernsehniveau, der rassistische und chauvinistische Inhalte reproduziert, oder unterhaltsame und zugleich anspruchsvolle Fernsehunterhaltung?

Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren und so plädiere ich an die ambitionierte Tatort-Autor*innenschaft, nicht aufzugeben. Denn die Dynamik des Ermittler*innen-Quartetts aus Dortmund bleibt grundlegend spannend. Es lohnt sich, dieses Familienkonstrukt weiter zu beobachten. Den Anforderungen einer komplexen Dynamik zwischen den Ermittler*innen muss man dramaturgisch natürlich gewachsen sein. Ich bin gespannt, ob und wie diese Herausforderungen in der Zukunft gemeistert werden sollen. Der Wille dazu war in „Tod und Spiele“ leider (noch) nicht zu spüren.

Thomas Koessler lebt und arbeitet in Berlin als Kulturmanager. Er sieht zurück auf langjährige Erfahrung in der Filmproduktion mit Schwerpunkt auf internationalen Koproduktionen im Arthouse-Segment. Die letzten Jahre engagierte er sich für das Goethe-Institut für interkulturelle Projekte zwischen Irak und Deutschland.

Biene - 15:14:25 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen