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2021-01-16

19_BESTANDSAUFNAHME: CINEMATOGRAPHINNEN BEIM TATORT

Carla_Muresan_Portrait.jpg©Carla Muresan (privat)

Originaltitel: VOM HIMMEL HOCH
Erstausstrahlungsdatum: 09.12.2018

Buch: Tom Bohn
Regie: Tom Bohn
Kamera: Jürgen Carle
Schnitt: Isabelle Allgeier   
Musik: Jan Kazda
Produktion: SWR Südwestrundfunk
Redaktion: Ulrich Herrmann

Blogbeitrag von Carla Muresan
Veröffentlicht am 15.01.2021

Anmerkung zur Schreibweise: Frauen*, Männer*, weiblich*, männlich* schreibe ich in diesem Text mit Stern, um in Personenbezeichnungen neben männlichen und weiblichen auch weitere Geschlechter und Geschlechtsidentitäten typografisch sichtbar zu machen und einzubeziehen.

Ich durchforste das Tatort-Archiv auf der Webseite der ARD. Die Beweise, die hier zu finden sind, können von jeder beliebigen Person eingesehen werden. Ich registriere: am 10.01.2021 sind 59 Tatorte verfügbar, bei Vieren sind die Informationen nur unzureichend aufgeführt, die Datensätze der restlichen 55 sind komplett.

Männliche* Kommissare, weibliche* Kommissare, gemischte Teams… Ich überlege nicht lange und wähle den Ludwigshafener Tatort aus. Das Ermittlerteam besteht aus zwei Frauen*, alles Weitere übernimmt der Algorithmus, der mir die Folge „Vom Himmel hoch“ anbietet - ich schlage zu!

Ok. Wonach suche ich noch…wonach suche ich…? Ich gehe alle 55 Tatorte noch einmal durch. Regisseure, Filmmusik, Kameraleute…Ok, die erste Frau* - längere Zeit nichts - noch eine Frau* - wieder lange nichts… die dritte Frau* und noch eine - sie hab ich doch eben schon gezählt…Um während der Suche nicht zu vergessen, wieviele Frauen* ich schon habe, halte ich die Zahl mit den Fingern meiner Hand. Ich achte darauf, sie nicht zu bewegen, um das Ergebnis nicht durcheinanderzubringen. Seite um Seite rufe ich auf, die Arbeit ist mühselig. Am Ende angekommen, zählt meine linke Hand 5 Finger.

Die Beweislage ist erdrückend. Die Beweislage ist so schwer, wie die alte Batterie eines Elektroautos, deren Nutzung ich im Haushalt als Briefbeschwerer fortsetzen kann: von insgesamt 55 Tatorten, die aktuell auf der Seite der ARD verfügbar sind, sind lediglich 4 von Menschen an der Kamera gedreht, die ich als Frauen* identifizieren konnte. Eine der vertretenen Frauen* hat zwei Folgen gedreht. Das bedeutet, dass 50 Folgen Tatort von Kameramännern* gedreht wurden, während im Vergleich dazu nur 5 Folgen von Kamerafrauen*.

Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass ich bei insgesamt 55 Folgen nur eine Hand voll Frauen* zählen kann, welche die Kameraarbeit übernehmen durften? Gibt es insgesamt zu wenig Kamerafrauen*? Oder liegt hier nicht vielmehr ein Fall von mangelhafter bis sogar ungenügender Kompetenz der Verantwortlichen in Sachen Gendergerechtigkeit und diverser Personalpolitik vor, wodurch blockiert wird, qualifizierte Kamerafrauen* ausfindig zu machen und in den Tatort zu holen?

Empört mache ich mich auf die Suche nach Hinweisen und starte den Film. Die Kamera blickt über die Dächer von Ludwigshafen. Das Fadenkreuz in der Mitte des Bildes ist perfekt - genau das, was ich bei meinen Nachforschungen jetzt brauchen kann. Während ich langsam mit der Bewegung der Kamera in die Stadt hinab fliege, habe ich Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen.

In Wirklichkeit gibt es eine Vielzahl von Kamerafrauen*. Es gibt sogar eine Vielzahl ganz hervorragender Kamerafrauen*, die nicht nur bestens ausgebildet sind, sondern dazu auch noch meisterlich im visuellen Erzählen, im Umgang mit Technik und Licht. Frauen*, die super fokussiert, diszipliniert, bestens organisiert sind. Frauen*, die wissen, was sie wollen und gut kommunizieren können. Frauen*, die kooperativ, sensibel und durchsetzungsfähig sind - denn als Frau* in einer Männerdomäne kann mensch es sich schlichtweg nicht leisten, unfokussiert, undiszipliniert, leistungsschwach oder nicht durchsetzungsfähig zu sein. Auch körperliche Schwächen kannst Du Dir nicht wirklich erlauben, denn wenn Du vor den ganzen Typen vor Kälte oder Nässe zusammenbrichst, dann bist Du sofort raus aus dem Spiel und kannst einpacken.

Wenn wir Frauen* uns dafür entschieden haben, diesen Beruf auszuüben, dann haben wir das Terrain bestens sondiert und wissen sehr genau, worauf wir uns einlassen und was wir leisten müssen. Wir haben auch ein hervorragendes Gespür für das entwickelt, was wir - mit den Worten der französischen Schriftstellerin, Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir - als das andere Geschlecht bezeichnen können. Wir wissen, dass wir von unserer Gesamtkonstitution her nicht zu denjenigen gehören, die als Norm das Maß der Dinge definieren - was nebenbei bemerkt ohnehin absurd ist, weil auch Männer* völlig unterschiedlich voneinander konstituiert sind. Aber dennoch wissen wir um die grundlegenden Differenzen, die im gesellschaftlichen Konsens traditionellerweise zwischen uns und den Männern* installiert werden und wir verstehen es auch, diese um ein Vielfaches zu kompensieren. Und dennoch (!) begegnen wir der gesamten Bandbreite an subtilen, negativen Zuschreibungen und werden als Risikofaktoren für den Erfolg eines Films wahrgenommen und dementsprechend marginalisiert. Die FFA-Studie “Gender und Film” von 2017 kommt zu dem Schluss, dass “durch stereotype Zuschreibungen von Fähigkeiten und Charaktereigenschaften Erfolg eher mit Männern als mit Frauen assoziiert wird und Frauen (in der Filmbranche) per se als größeres Risiko gelten” (”Gender und Film”, S. 37).

Während unsere beiden Kommissarinnen in Ludwigshafen auf den Spuren des Mordes an einem renommierten Psychiater wandeln, versuche ich zu ermitteln, wie ich eigentlich auf die fixe Idee gekommen bin, die gleichberechtigte Teilhabe von Kamerafrauen* im Tatort zu fordern. Ja, wie komme ich eigentlich darauf?

Ich finde die Antwort schnell. Der Tatort wird aus unser aller Gebührenbeiträge finanziert, so dass ich zwei Dinge erwarten kann: erstens, dass sich die Filme mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und Diskursen auseinandersetzen und zweitens, dass Gleichberechtigung und Diversität bei der Vergabe der Positionen sowohl vor, als auch hinter der Kamera selbstverständlich sind.

Dass diese Forderung auch in der Filmpraxis umgesetzt werden kann, weil man nicht nur theoretisch 28 von 55 Tatorten mit 28 qualifizierten Kamerafrauen* besetzen könnte, zeigen die Zahlen: Frauen* studieren inzwischen selbstverständlich in den Kameraklassen der Hochschulen - wo es jedoch, nebenbei bemerkt, mit den genderspezifischen Vorbehalten und Diskriminierungen bereits losgeht. Frauen* gehen an den verschiedenen Sets ihrer Arbeit nach und partizipieren im Wettkampf um die besten Filme und die wichtigsten Preise. 30 Kamerafrauen* kann ich im BVK, dem Berufsverband der Kameraleute, zählen. 105 bei den Cinematographinnen, dem Netzwerk von Kamerafrauen* im deutschsprachigen Raum - teilweise gibt es doppelte Mitgliedschaften. Aber schlussendlich sind es auch ohne Überschneidungen immer noch über 100 Kamerafrauen*, die in der deutschen Film- und Fernsehbranche arbeiten. Nicht zu vergessen diejenigen Kamerafrauen*, die nicht in diesen Verbänden organisiert sind.

Energisch hebe ich meine linke Hand. Diese Hand, die nur  5 Frauen* unter den Tatort-Kameraleuten zählen konnte, erhebt sich angesichts dieser mutwilligen Ignoranz gegenüber der Präsenz exzellenter Kamerafrauen* entschieden zum Protest. Gleichzeitig verliere ich den Überblick bei den Ermittlungen auf meinem Bildschirm. Ich kann mich nicht weiter auf die Frage konzentrieren, wie dieser Film visuell funktioniert und wie er funktionieren würde, wenn er von einer Frau* gedreht wäre. Genervt komme ich zu dem Schluss, dass es überflüssig ist, die Fähigkeiten von Frauen* in direkten Vergleich mit den Fähigkeiten von Männern* zu stellen, wenn die Studien keinen Zweifel daran lassen, dass Kamerafrauen* als minderwertig angesehen werden. Sie stehen unter Generalverdacht, die Qualität zu senken und nicht die gleichen Leistungen, wie ihre männlichen Kollegen, zu erbringen.

Es ist empörend, dass es an den Frauen* hängen bleibt, sich und ihre Arbeit gegen diese haltlosen Vorwürfe behaupten zu müssen. “Der Sexismus zeigt sich am augenfälligsten und beweisbarsten am Ergebnis - in diesem Fall an der Abwesenheit der Frauen aus dem Beruf. Seine Existenz wird von den Sexisten geleugnet.” Dieses Zitat stammt aus dem Text “Nimmt man Dir das Schwert, dann greife zum Knüppel” der Filmemacherin und Autorin Helke Sanders, der 1974 - also vor 47 Jahren (!) - in der Zeitschrift “Frauen und Film” erschienen ist. Ich halte die Luft an.

Ich stecke in einer Sackgasse, während die Ereignisse um Lena Odenthal (gespielt von Ulrike Folkerts) unbeirrt weiterlaufen.

Ich schaue mir an, was meine bisherigen Ermittlungen ergeben haben. Vor mir liegt ein Abdruck. Er ist immer noch frisch. 55 Filme zeichnen sich darin ab und 50 Männer*, die ihre Arbeit in diese Filme eindrücken konnten. Das Bild fängt vor meinen Augen an zu schwirren. Ich versuche einen klaren Kopf zu bewahren und Schlüsse zu ziehen. Wenn von 55 Filmen 50 von Männern* gedreht worden sind, während gleichzeitig genügend hervorragende Kamerafrauen* auf dem Markt verfügbar sind, dann kann das nur heißen, dass der Tatort ein abgesteckter und bestens bewachter Hoheitsbereich ist. Es sind vor allem männliche* Kameraleute, die dort zugelassen werden, um das Format durch ihre Arbeit zu repräsentieren.

Jetzt überschlagen sich die filmischen Ereignisse. Plötzlich befindet sich die Kommissarin im Gerangel mit der Mörderin, welche das Gefecht für sich entscheiden kann und zum Schuss auf den Staatssekretär des US-Verteidigungsministeriums ansetzt. Und da ist es auch schon passiert. Die Kommissarin feuert den ersten Schuss ab und dann auch noch den zweiten. Sie kann die Tragweite der Situation nicht überblicken. Die Folge geht allmählich zu Ende und Kommissarin Odenthal wird bald feststellen müssen, dass sie eine schwer traumatisierte Frau erschossen hat.

Auch meine Ermittlungen neigen sich dem Ende zu und auch mir soll etwas aufgehen:
wenn Männer* traditionellerweise aufgrund ihres Geschlechts und unter Ausschluss eines Großteils der Frauen* bei einem Format, das aus den Geldern aller Beitragszahler (= ca. 50% Frauen*, 50% Männer*) finanziert wird, bei der Vergabe der Positionen an der Kamera bevorzugt werden, dann kann das Qualitätsargument, das in unserer patriarchalen und sexistischen Filmbranche von Fernsehredakteur*innen und Produzent*innen gerne verwendet wird, doch eigentlich nur ein grauenvoller Mythos und Brandstifter sein. Er kommt im Pelz eines weißen, potenten Kameramannes daher, und dient dem Zweck, den Zweifel und das Misstrauen an den Fähigkeiten und Qualitäten der Kamerafrauen* in den Hainen der Filmbranche zu säen.

Ernüchterung tritt ein. Bei den Kommissarinnen, wie auch bei mir. Ein klares, unverblümtes Licht - das gleiche Licht, das auch am Morgen des Neujahrstages ankündigt, dass der ganze Spuk der Weihnachtsfeiertage vorbei ist, kommt über uns. Der Fluss der Dinge ist jäh unterbrochen und die Zeit scheint plötzlich still zu stehen.

Ein klarer Moment. Es muss sich etwas ändern. Wir Kamerafrauen* sind da und wir fordern die gleichen Rechte, wie unsere männlichen* Kollegen. Damit wir Gendergerechtigkeit erreichen können, brauchen wir eine 50/50 Quote - auch für die Kamerafrauen*.

Carla Muresan ist freischaffende Kamerafrau. Sie studierte Kamera/Bildgestaltung an der Hochschule für Fernsehen und Film München und dreht Spielfilme, wie auch Dokumentarfilme. Aktuell wird der Kinodokumentarfilm FIEBER (AT), der in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Helen Simon entstanden ist, fertiggestellt. Ihre letzte gemeinsame Zusammenarbeit, der Kinodokumentarfilm NIRGENDLAND, war für den Grimme Preis nominiert.

Liste von Kamerafrauen im deutschsprachigen Raum (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Beate Scherer          
Sabine Berchter                
Ute Freund    
Britta Becker                
Christina Karliczek Skoglund 
Katharina Diessner  
Christine Wagner  
Tanja Häring    
Bella Halben    
Dixie Schmiedle  
Christiane Buchmann  
Eeva Fleig    
Sonja Rom      
Stephanie Hardt          
Merle Sarah Jothe  
Judith Kaufmann          
Julia Weingarten  
Isabelle Casez
Ulle Hadding  
Justyna Feicht  
Britta Mangold  
Kristina Kerekes          
Kirsten Weingarten  
Julia Lohmann
Jutta Tränkle  
Patricia Lewandowska   
Birgit Gudjonsdottir  
Jennifer Günther  
Leah Striker
Astrid Heubrandtner  
Susanne Schüle          
Eva Maschke  
Kathrin Krottenthaler  
Emma Rosa Simon  
Miriam Tröscher    
Sophie Maintigneux  
Christiane Schmidt  
Jana Marsik  
Eva Katharina Bühler  
Isabelle Arnold  
Eva Testor    
Christine A. Maier  
Miriam Kolesnyk  
Susanna Salonen  
Friederike Hess
Alicja Pahl        
Conny Beissler  
Jutta Pohlmann
Natalia Mikhaylova  
Siri Klug        
Annegret Sachse  
Lotta Kilian    
Yoliswa Von Dallwitz  
Daniela Knapp  
Smina Bluth  
Sanne Kurz  
Judith Benedikt
Birgit Bebe Dierken  
Leena Koppe  
Julia Daschner  
Ines Thomsen  
Anne Misselwitz  
Petra Korner
Katinka Zeuner
Christine Munz  
Luana Knipfer  
Deniz Blazeg
Darja Pilz      
Caroline Bobeck  
Julia Lemke  
Julia Schlingmann  
Monika Plura
Sabine Panossian  
Marie Zahir                
Carla Muresan              
Joanna Piechotta  
Jana Lämmerer
Zara Zandieh            
Agnesh Pakozdi  
Anna Intemann
Mariel Baqueiro
Stefanie Reinhard  
Claire Jahn    
Gabriela Betschart  
Christina Heeck  
Sonja Aufderklamm  
Lydia Richter
Antje Heidemann  
Constanze Schmitt  
Katja Rivas Pinzon  
Anna Motzel  
Anne Lindemann          
Luise Schröder  
Aline László  
Anne Bolick  
Paola Calvo  
Teresa Kuhn
Carina Neubohn  
Julia Geiss    
Aleksandra Medianikova 
Jana Pape    
Marie-Thérèse Zumtobel 
Christine Lüdge
Carmen Treichl
Julia Jalnasow  
Doro Götz    
Lisa Voelter      
Theresa Maué          
Rebecca Meining  
Samira Oberberg  
Stefanie Reinhard  
Viola Laske  
Nathalie Wiedemann  
Beate Scherer          
Hille Sagel                
Kristina Marlen Schulte-Eversum
Viktoria Anette Haellmigk 
Christine Ajayi-Scheuer 
Zoe Schmederer  
Sarah Rotter
Julia Swoboda  
Laura Kansy  
Melanie Brugger  
Carolina Steinbrecher

Biene - 00:25:42 @ Andere Tatorte | Kommentar hinzufügen