Warum „NichtMeinTatort“?


50 Jahre Tatort - nicht ohne uns!

#nichtmeintatort

Feministische und intersektionale Filmkritik

Im Sommer 2020 erfuhren wir von der ARD Jubiläumsreihe 50 Jahre Tatort. Hier sollte das quotenstärkste Format des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zelebriert werden. “Denn der Tatort war und ist vor allem eines: nah dran an der Lebenswirklichkeit mit seinen Fällen, seinen Ermittlertypen, den handelnden Personen und vor allem den Regionen, in denen er spielt“, schrieb das Erste Deutsche Fernsehen zu ihrem Sonderprogramm. Doch wie „nah dran an der Lebenswirklichkeit“ unserer diversen, (post-)migrantischen Gesellschaft ist der Tatort wirklich? Gibt es Diversität vor und hinter der Kamera? Aus welcher und wessen Perspektive wurde und wird hier erzählt? 

Im sechsten Diversitätsbericht des Bundesverband Regie wird festgehalten, dass 2018 lediglich 6,1% der Bücher für Tatort und Polizeiruf von Drehbuchautorinnen und 93,9% von männlichen Kollegen geschrieben wurden. Regie führten im selben Jahr nur 18,2 % Frauen und Männer 81,8 %. 2019 führten beim Tatort nur 2% Frauen die Kamera. Diese Zahlen zur Diversität hinter der Kamera sprechen für sich: Noch sind Frauen* in den verschiedenen Gewerken in keiner Weise gleichberechtigt vertreten. Über die Anzahl von Filmemacher*innen of Color gibt es noch keine per Daten erhobenen Zahlen. Aktuell wird durch die Initiative Vielfalt im Film eine Umfrage zu Vielfalt und Diskriminierung vor und hinter der Kamera durchgeführt.

Die Initiative Tatort Drehbuch schrieb im Jahr 2019 einen Brandbrief sowie einen offenen Brief an die Intendanz der ARD. Darin forderte sie eine formatübergreifende Drehbuch-Quote von 50/50 bis 2021. Aber was hat sich seit dieser Forderung getan? Und kann Repräsentation allein der Schlüssel zu einem zeitgemäßen Erzählen jenseits sexistischer und rassistischer Darstellungen sein? 

Aus unseren ersten Filmkritiken zur „Tatort"-Jubiläumsreihe stachen ganz bestimmte Erzählmuster immer wieder deutlich hervor: eine hegemoniale weiße bildungsbürgerliche Erzählperspektive; stereotype Frauenfiguren, die, vor allem in den Nebenrollen, meist als reine Funktionsträgerinnen herhalten müssen. Und eine wiederholt klischierte Darstellung von BlPoC und / oder migrantischer Minderheiten.

Wir, Filmemacher*innen of Color und Verbündete, fordern eine Veränderung dem zum “Zentralmassiv der deutschen Unterhaltungskultur” geronnenen “Tatort”. Eine diverse postmigrantische Gesellschaft braucht vielfältige Geschichten, selbstbestimmt erzählt von denjenigen, die das Wissen über Migrationsgeschichte und Rassismus in sich tragen. 

Wir sind es Leid, von einem der einflussreichsten und reichweitenstärksten Fernsehmonarchen der Branche - von der auch wir ein Teil sind - immer noch mit struktureller Benachteiligung und Ausschlüssen vor und hinter der Kamera konfrontiert zu werden, was sich vielmals in der filmischen Erzählung und inszenatorischen Gestaltung widerspiegelt. 

Wir fordern deshalb nicht nur eine diverse Besetzung vor und hinter der Kamera, sondern auch eine zeitgemäße feministische und antirassistische Position aller Macher*innen des "Tatort“. Von einem öffentlich-rechtlichen Format mit einer wöchentlichen Zuschauer•innen Reichweite zwischen 7 - 10 Millionen, erwarten wir, dass auch wir Frauen* und BIPoC uns darin wiedererkennen können. Wir möchten davon ausgehen, dass Autor*innen, Regisseur*innen, Redakteur*innen und Produzent*innen Stoffe kritisch auf Sexismus, Rassismus, Homophobie und Klassismus hin lesen können. Wir erwarten, dass gesellschaftspolitisch brisante Themen verantwortungsvoll erzählt werden, ohne dass dabei wiederholt mit abwertenden und stereotypen Darstellungen hantiert wird. Wir erwarten, dass der quotenstärkste fiktionale Sendeplatz kein Ort ist, an dem erneut medial Ausschlüsse marginalisierter Gruppen stattfinden.

#nichtmeintatort will diese Missstände aufspüren, reflektieren und öffentlich machen. Wir wollen ein (neues) Bewusstsein schaffen, Dialog anregen und Diskussionen führen. Wir wollen, dass sich in der deutschen Film- und Fernsehbranche des Jahres 2020 endlich etwas ändert! Dafür brauchen wir Sensibilität, Empathie und kritische Selbstreflektion von allen Mitwirkenden und Entscheidungsträger*innen.

Neben der Filmkritik einzelner Tatort-Folgen, öffnen wir die Plattform für vielfältige filmkritische Auseinandersetzungen aus feministischer und intersektionaler Perspektive. Wir laden postmigrantische Filmemacher*innen (of Color) und Verbündete ein, ihren “oppositionellen Blick” (bell hooks) und ihr Erleben der mehrheitsgesellschaftlichen Film- und Fernsehkultur zu teilen. Gleichzeitig besprechen wir filmische Arbeiten, die Geschichte und Gegenwart kritisch und selbstbestimmt erzählen und dafür narrativ und gestalterisch neue Formen ausprobieren und entwickeln. 

Initiative NichtMeinTatort